Mena-Exklusiv

Würde es Libyen ohne westliche Intervention besser gehen?

Von Thomas von der Osten-Sacken

Wie oft hat man das Argument im Zusammenhang mit Syrien schon gehört? Libyen sei doch ein abschreckendes Beispiel, was passiere, wenn es zu einer westlichen Intervention im sogenannten „arabischen Frühling“ käme. Dem Sturz Gaddafis sei doch nur Chaos und Bürgerkrieg gefolgt.

 

Libya

 

Ein guter syrischer Freund von mir reagierte jüngst erbost auf eine solche Diskussion und erklärte, er wünsche sich, Syrien sähe heute so aus wie Libyen, denn zwischen Derna und Tripolis stünden die Städte immerhin noch, es regnete keine Fassbomben und niemand sei bei Giftgaseinsätzen umgekommen.

Angesichts der Lage in Libyen fünf Jahre nach Beginn der Intervention mögen solche Argumente in Europa seltsam klingen, aus nahöstlicher Perspektive haben sie durchaus ihre Berechtigung.

Man kann nun stundenlang darüber streiten, was nach dem Sturz Gaddafis in einem Land, in dem systematisch über Jahrzehnte alle Institutionen und Strukturen zerstört worden sind, hätte anders gemacht werden können und müssen. Man kann Europa und die USA dafür kritisieren, so wenig in den Wiederaufbau des Landes investiert zu haben. Stattdessen überließ man das Feld Erdogan und Qatar, die damals noch als „unsere moderaten islamischen Alliierten“ hofiert wurden, auch wenn sie Muslimbrüder und Islamisten so unterstützen, wie sie es heute auch tun. Man kann auch daran erinnern, dass trotzdem bei den Wahlen, die in Libyen stattgefunden haben, die Islamisten jedesmal haushoch verloren und sich deshalb nur mit Waffengewalt durchzusetzen vermochten.

Was allerdings geschehen wäre, hätte es damals keine Intervention gegeben, darüber spricht eigentlich niemand, auch wenn Gaddafis Panzer schon am Ortseingang von Benghazi standen und seine Truppen die Order hatten, die aufständische Stadt mehr oder minder einzuebnen. Daran erinnert Shadi Hamid:

„We should compare Libya today to what Libya would have looked like if we hadn’t intervened. By that standard, the Libya intervention was successful: The country is better off today than it would have been had the international community allowed dictator Muammar Qaddafi to continue his rampage across the country.

Critics further assert that the intervention caused, created, or somehow led to civil war. In fact, the civil war had already started before the intervention began. As for today’s chaos, violence, and general instability, these are more plausibly tied not to the original intervention but to the international community’s failures after intervention. ….

In February 2011, anti-Qaddafi demonstrations spread across the country. The regime responded to the nascent protest movement with lethal force, killing more than 100 people in the first few days, effectively sparking an armed rebellion. The rebels quickly lost momentum, however.

I still remember how I felt in those last days and hours as Qaddafi’s forces marched toward Benghazi. In a quite literal sense, every moment mattered, and the longer we waited, the greater the cost.

It was frightening to watch. I didn’t want to live in an America where we would stand by silently as a brutal dictator – using that distinct language of genocidaires – announced rather clearly his intentions to kill. In one speech, Qaddafi called protesters ‚cockroaches‚‘ and vowed to cleanse Libya ‚‘inch by inch, house by house, home by home, alleyway by alleyway.‘“

Und kommt schließlich zu demselben Schluss wie mein syrischer Freund :

„Any Libyan who had opted to take up arms was liable to be captured, arrested, or killed if Qaddafi ‚won,‘ so the incentives to accept defeat were nonexistent, to say nothing of the understandable desire to not live under the rule of a brutal and maniacal strongman.

The most likely outcome, then, was a Syria-like situation of indefinite, intensifying violence. Even President Obama, who today seems unsure about the decision to intervene, acknowledged in an August 2014 interview with Thomas Friedman that ‚had we not intervened, it’s likely that Libya would be Syria. … And so there would be more death, more disruption, more destruction.‘“

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