Mena-Exklusiv

Mit High-Tech gegen die Tunnel des Todes

Von Judah Ari Gross

Mit eine neuen, hochgeheimen Technologie hat Israels Militär einen potentiell hochgefährlichen Terrortunnel von Gaza tief in israelisches Territorium entdeckt. Doch absolute Sicherheit vermag auch diese neue Technik nicht zu bieten, die Gefahr an der Grenze ist so nicht zu bannen. 

 

idf Gaza
Israelische Soldaten an einem Sicherheitsposten in der Nähe des Gazastreifens

 

Trotz des erneuten öffentlichen Augenmerks auf den Gazastreifen angesichts des Tunnels, der bereits Anfang des Monats entdeckt worden war und dessen Existenz letzte Woche publik gemacht wurde, hat sich weder die Lage vor Ort geändert, noch hat es wesentliche Veränderungen gegeben, was die tägliche Sicherheitsroutine am Sperrzaun betrifft. Auch die geheime Tunnel-Erkennungstechnologie, die von vielen als die einzige Antwort auf die Bedrohung durch unterirdische Angriffe gepriesen wird, hat das Vorgehen der Infanterietruppen vor Ort nicht beeinflusst. Laut einem Offizier, der momentan an der Grenze zu Gaza dient und im Laufe der Jahre mehrfach dort stationiert war, ist dieser Dienst heute mehr oder weniger der gleiche, der er auch in den Jahren 2014, 2012 und 2010 war. Nach Meinung einiger Experten hat die neue, geheimnisvolle Technologie nicht notwendigerweise das gesamte Gleichgewicht an der Grenze verändert. Und so gut wie niemand glaubt, dass die Bedrohung durch die Hamas in Gaza neutralisiert worden ist.

Auch wenn es in jüngster Zeit keine einschneidenden Eskalationen gegeben hat, wäre es falsch daraus zu schließen, dass die Lage in der Region ruhig ist. „An der Grenze zu Gaza schläft man nachts nicht besonders gut“, stellte der Offizier am Donnerstag gegenüber der Times of Israel fest. „Der nächste Schlag ist immer nur eine Frage der Zeit“, so der Offizier, der aus Sicherheitsgründen nicht namentlich genannt werden wollte.

 

Hat sich tatsächlich etwas verändert?

In den Tagen vor und direkt nachdem die Entdeckung des Tunnels bekanntgegeben wurde, bemühte sich die Armee unter Verwendung publikumswirksamer Pressemitteilungen und Ansprachen, der Öffentlichkeit zu signalisieren, dass sie alles unter Kontrolle hat.

Der Premierminister, Verteidigungsminister und andere offizielle Vertreter schrieben die Entdeckung des Tunnels einer neuen, „einzigartigen“ Technologie zu, die, so proklamierten sie, eine tiefgreifende Veränderung im Machtgefälle an der Grenze zur Folge habe. Am Mittwoch erklärte Knesset-Mitglied Miki Zohar vom Likud während einer Konferenz zur Bedrohung durch die Angriffstunnel in Sderot, dass diese neue Technologie „der einzige Grund“ gewesen sei, warum der Tunnel überhaupt entdeckt wurde.

Colonel (res.) Yossi Langotsky, der schon früher dem Generalstabschef der IDF als Berater bezüglich der Gefahr durch Tunnel zur Seite gestanden hat, nannte Zohar daraufhin „einen Idioten.“ „Es gibt keine physische Barriere, die nicht überwunden werden könnte“, sagte Langotsky auf der Konferenz. „Wenn Sie eine Anlage konstruieren, die Tunnels bis in eine Tiefe von 40 Metern erkennen kann, wird [die Hamas] einen Tunnel graben, der tiefer ist als 40 Meter“, äußerte er am Rande der Konferenz gegenüber der Times of Israel.

Seit Jahren ist Langotsky so etwas wie eine Kassandra, die die Gefahr durch Tunnel voraussah und die relevanten Institutionen warnte. Seine Rufe verhallten jedoch stets ungehört. Bis zum heutigen Tag, so sagte er, sei er eine Persona non grata im Verteidigungsministerium. Der hochgewachsene, beeindruckende Langotsky stellte fest, dass Israel ohne eine unabhängige, für die Bedrohung durch Tunnel (von der Hamas in Gaza sowie der Hisbollah im Libanon) zuständige Regierungsinstitution weiterhin der Gefahr eines Angriffs ausgesetzt sei. „Wollen Sie meine Voraussage hören? Bevor es kein wirkliches Desaster gegeben hat, wird sich hinsichtlich der Gefahr durch Tunnel überhaupt nichts tun“, sagte er.

Wenngleich die geheime Technik angeblich einen Angriffstunnel in Israel entdeckt haben soll, tut Langotsky dies als eine letzten Endes unwirksame Übergangsmaßnahme ab. „Wenn ich ein Bewohner des Grenzgebiets zu Gaza wäre, würde ich nachts nicht mehr ruhig schlafen“, sagte er auf der Konferenz, die von in der Region lebenden Israelis besucht wurde. Die Armee spielte ihrerseits die Rolle der neuen Technologie herunter, indem sie darauf beharrte, dass der Tunnel mittels einer Kombination mehrerer Methoden entdeckt worden sei, darunter Aufklärung und Bodentruppen.

 

 

Einige Tage bevor die Existenz des Tunnels der Öffentlichkeit bekannt gegeben wurde, präsentierte ein ranghoher Vertreter des Militärs Israels derzeitige Risikobewertung der Hamas in Gaza. Ja, so berichtete der Vertreter den Reportern letzte Woche, die Hamas rüste ihr Waffenarsenal wieder auf. Aber nein, zum derzeitigen Zeitpunkt sei sie auf einen drohenden Konflikt weder vorbereitet noch daran interessiert. Dennoch, so betonte der Militärvertreter, Israel sei vorbereitet und verfüge über eine ausgeklügelte Kampfstrategie und detaillierte Informationen. „Wir haben einen Plan, wie wir den militärischen Flügel der Hamas überwältigen“, berichtete er weiter.

Während der Konferenz in Sderot sorgte der Befehlshaber des Südlichen Kommandos, Major Gen. Eyal Zamir, für einiges Aufsehen in den hebräischen Medien, als er über bestehende Pläne berichtete, nach denen im Kriegsfall Gemeinden in der Grenzregion evakuiert werden sollen. Für den Offizier an der Grenze waren diese Berichte ein ziemlicher Schock: Nicht etwa, weil er in Unkenntnis dieser Kampf- und Evakuierungspläne gewesen wäre, sondern weil andere überrascht waren, dass Israel solche Pläne ausgearbeitet hat. „Es gibt immer einen Plan, der angibt, was zu tun ist, wenn ein Krieg ausbricht – wo auch immer“, sagte er. Auf alles vorbereitet zu sein, sei das Markenzeichen eines guten Soldaten, sagte der Offizier mit Blick auf Gaza. „Selbst jetzt, wo wir miteinander reden, denke ich: ‚Was passiert, wenn jemand aus dieser Richtung kommt? Was passiert, wenn eine Granate auf uns geschossen wird?‘“

 

„Wie eine gespannte Feder“

In den vergangenen sechs Monaten waren Soldaten der Golani-Brigade im südlichen Bereich der Gaza-Grenze stationiert. Die Bodentruppen suchen noch immer aktiv nach Tunneln. „Das ist nicht einmal ein Geheimnis; die gegnerische Seite kommt und macht Fotos“, berichtete der Offizier. Daneben sind es gewaltsame Proteste in der Nähe des Zauns, an denen mitunter „800 bis 1.000 Menschen“ teilnehmen, vereinzelter Beschuss von Armeetruppen und -fahrzeugen durch Heckenschützen sowie die Versuche von Einzelpersonen, den Zaun zu überwinden und Israel zu unterwandern, die die Truppen regelmäßig auf Trab halten. Die vom Westjordanland ausgehenden Terroranschläge und Unruhen haben anscheinend auf die lokale Bevölkerung größeren Einfluss als die Entdeckung des Tunnels in diesem Monat, stellte der Offizier fest.

Die Grenze zu Gaza war einst die brisanteste Grenze Israels, was sich jedoch seit der Operation „Protective Edge“ – dem Krieg vom Sommer 2014 – gelegt hat. Das vergangene Jahr war dort das ruhigste des gesamten bisherigen Jahrzehnts; zumindest was Raketenangriffe und Vorfälle entlang des Grenzzauns anbelangt. Die Hamas erlitt im Krieg von 2014 einen schweren Rückschlag und auch wenn sie nach wie vor bestrebt ist, ihren Konflikt mit Israel letztlich wieder aufzunehmen, hat sie derzeit „ein Interesse daran, den Frieden zu wahren“, erklärt der Offizier. Diese Ruhe könne jedoch trügerisch sein, und die hier stationierten Soldaten müssten permanent auf alle Eventualitäten vorbereitet sein. „Unser Motto lautet: Sei wie eine gespannte Feder“, sagte der Offizier. „Und wenn wir jemals zurückschlagen müssen, dann schlagen wir mit voller Kraft zurück.“

Für Soldaten ist der Dienst an der Grenze zu Gaza „vollkommen anders“ als der Einsatz im Westjordanland, sowohl was die Taktik als auch was die psychologische Seite angeht, erklärte er. „Im Westjordanland kommt alles zusammen. Alles hat eine Riesenbedeutung, selbst ein einzelner Mensch an einer Bushaltestelle. Hier gibt es einen Zaun“, sagte er. Auf einer Seite ist Israel, auf der anderen Gaza.“ Es liege eine gewisse „Einfachheit“ in dieser Dynamik, was den Dienst hier einfacher macht, erklärte er weiter. Allerdings gebe es dafür hier ganz eigene Herausforderungen.

Das Pulverfass Gaza lädt enorme Verantwortung auf die Schultern 18- und 19-jähriger Soldaten, die Vorfälle an der Grenze mit Zurückhaltung und Reife handhaben müssen – zwei Dinge, für die Teenager nicht gerade berühmt sind. Wenn die IDF mit harter Hand auf jeden kleinen Vorfall an der Grenze reagieren würde, hätte Israel sehr schnell einen weiteren Konflikt mit der Hamas in Gaza am Hals. Gleichzeitig können jedoch Angriffe auf die Souveränität Israels nicht einfach ignoriert werden. Das ist ein schwieriger Balanceakt. Es ist notwendig, dass Soldaten an der Grenze stationiert sind, die bereit sind zu reagieren, wenn eine Demonstration in Gewalt umschlägt, die jedoch nicht überreagieren und somit möglicherweise einen noch bedeutenderen Zwischenfall auslösen würden. Um dieses Problem möglichst einzuschränken, „gelten sehr klare Einsatzregeln“, erklärt der Offizier: Kinder vermeiden, auf Beine anstatt auf den Torso zielen und nur auf die „zentralen Anstifter“ schießen – diese Richtlinien ermöglichen der Armee, die Unruhen zu kontrollieren, ohne dass die Spannungen eskalieren. Und trotzdem, so sagte er, „berichten die palästinensischen Medien, es wären Menschen zu Tode gekommen, wenn wir Beweise dafür haben, dass sie nur verletzt wurden.“

Auch wenn das Thema jetzt wieder massiv in den öffentlichen Diskurs geraten ist, für die beteiligten Soldaten ist es das normale Alltagsgeschäft. „Ich bin verheiratet, habe drei Kinder und bin am Pessach-Seder alleine hier“, sagte der Offizier. „Sagt das nicht genug?“

Auf Englisch zuerst erschienen bei The Times of Israel. Judah Ari Gross ist Militär-Korrespondent der Times of Israel.

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