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Presseschau zum Syrien-Abkommen zwischen Russland und den USA: „Assad kann sich entspannt zurücklehnen“

assadHeute Abend soll eine Waffenruhe in Syrien in Kraft treten, die – einmal mehr ohne Beteiligung von Syrern – der amerikanische mit dem russischen Außenminister ausgehandelt haben. Mit Ausnahme des deutschen Außenministeriums, das die diplomatische Initative begeistert begrüßte, scheint niemand wirklich daran zu glauben, dass dieses Abkommen ein anderes Schicksal erwartet, als die unzähligen Friedensinitiativen zu Syrien bevor. Ein Blick in die Presse zeigt, wie wenig Grund für Hoffnungen besteht.

Andrea Böhme schreibt in der Zeit, dass allein der Begriff „Waffenruhe“ selbst schon trügerisch sei:

„Nach rund fünf Jahren dieser unentwegten Horrormeldungen aus Syrien ist man versucht, in jede Vereinbarung das Anfang vom Ende dieses Krieges hineinzulesen. Bloß: Ein Abkommen über einen Waffenstillstand ist es eben nicht, was Russland und die USA da vorgelegt haben. Es ist vielmehr eine Vereinbarung darüber, wer ab Montag wen bombardieren darf.“

boehmUnd fährt fort:

„Die Motivation der USA gab am Wochenende nicht nur in Genf Rätsel auf. Das Pentagon, das Weiße Haus und John Kerrys Außenministerium liegen bei Syrien weit auseinander. Kerry, der sich phasenweise für ein massiveres Vorgehen gegen Assad eingesetzt hat, stieß damit bei Barack Obama auf taube Ohren. Dessen offensichtlicher Drang, zwecks Abbau des gegenseitigen Misstrauens einen Deal mit Moskau auszuhandeln, verstört wiederum das Pentagon. Allein die Vorstellung, nun in einem geplanten gemeinsamen Einsatzzentrum mit russischen Militärs amerikanisches Know-how und Daten preiszugeben, lässt viele US-Generäle nach Luft schnappen.

Und Baschar al-Assad? Der kann sich weiterhin bequem zurücklehnen. Zwar muss er angesichts des desolaten Zustands seiner Armee den Bodenkampf inzwischen weitgehend iranischen und libanesischen Schiitenmilizen überlassen, was Moskau enorm frustriert. Aber beim Kampf gegen die bewaffnete Opposition würden ihm in diesem Szenario nun sogar die US-Amerikaner helfen.“

gehlenAuch Martin Gehlen sieht in Russland und dem Assad Regime die großen Gewinner des Deals:

„Der Massenmörder, der sein Land in den Ruin getrieben und mehr als 300.000 Menschen auf dem Gewissen hat, braucht sich unter dem neuen Genfer Szenario über eine Machtteilung oder gar einen Rücktritt nicht mehr ernsthaft den Kopf zu zerbrechen, zumal sich Moskau und Washington künftig sogar gemeinsam seine gefährlichsten Gegner vorknöpfen. Rechtzeitig zum Ende der Obama-Administration wäre die moderate syrische Opposition reduziert auf ein gutes Dutzend umzingelte Enklaven und militärisch entkräftete Brigaden.

Und so sind diesmal – anders als im Februar – vor allem das Regime, seine Hisbollah-Verbündeten und die vom Iran gesteuerten Milizen daran interessiert, dass Syriens neue Feuerpause tatsächlich hält. Denn die Uhr tickt. Im Januar wechselt der Chef im Weißen Haus. Und dann ist es ziemlich sicher vorbei mit dem zurückhaltendem Syrienkurs à la Barack Obama.“

Im Spiegel-Artikel von Christoph Sydow heißt es:

„Washington verlangt, dass diese Rebellengruppen sich von der Dschabhat Fatah al-Scham lösen. Allerdings sind die Dschihadisten den meisten Milizen militärisch überlegen. Deshalb stehen viele Rebellen nun vor einem Dilemma: Bleiben sie mit der Dschabhat Fatah al-Scham verbündet, drohen ihnen Luftangriffe der USA und Russlands. Stellen sie sich den Dschihadisten entgegen, droht ihnen die militärische Niederlage und sogar die Vertreibung aus ihrer Heimat.

Nicht nur deshalb sind die Vorbehalte unter den Rebellen groß: Das Hohe Verhandlungskomitee (HNC), die wichtigste Vertretung der syrischen Opposition, verlangt Garantien für die Umsetzung der Waffenruhe. Das Bündnis kritisiert vor allem, dass es keinen Mechanismus gibt, mit dem Verstöße gegen die Feuerpause festgestellt und sanktioniert werden. Tatsächlich wirkt das Papier in diesem Punkt nur wie eine Absichtserklärung. Es werden keine Konsequenzen für den Fall angekündigt, dass eine Konfliktpartei das Abkommen bricht.

Syrien und seine Schutzmacht Russland hatten schon die im Februar vereinbarte Feuerpause missachtet. Ihre Flugzeuge und Hubschrauber bombardierten Krankenhäuser, Schulen und Marktplätze. Die USA und Europa verurteilten die Angriffe – Konsequenzen für das Assad-Regime: Fehlanzeige.“

zisserKein gutes Wort findet auch Prof. Eyal Zisser in Israel Hayom für den Deal:

„A glance at the details of the agreement reveals a lack of real content and a near-zero chance of implementation. Firstly, the deal fails to include a large portion of the rebel camp, most notably the Islamic State group and the Nusra Front, and we can assume that the Syrian regime will be quick to violate the terms of the deal, justifying it with the claim that it is fighting these radical rebel groups.

Secondly, the agreement does not include any framework or practical steps to jump-start or advance a political process, nor anything that would help close the gap among rebel demands. It also does not include any steps to mediate between the desire of the international community, led by Washington, to oust Syrian President Bashar Assad and Russia’s desire to keep him in power.

Beyond this, no one among the warring sides in Syria has any interest in a deal. Assad is convinced that time plays to his advantage. The Russians, Iranians and Hezbollah, who are fighting Assad’s war, have managed significant accomplishments in recent months. In the battle over Aleppo, on which they imposed a siege, they brought the Syrian ruler closer to victory – even if not total or decisive – against his opposition.“

fishmanAlex Fishman in Ynetnews legt dar, warum das Abkommen zum Scheitern veruteilt ist:

„Kerry and Lavrov announced that Syria will no longer be permitted to deploy its air force, and that only the US and Russia’s air forces will be allowed to strike down ISIS. This seems unlikely, given the fact that ISIS is still carrying out suicide bombings against Syrian targets. In addition, it seems that Assad himself feels as though the tide is changing, and that he is close to defeating the rebels and completely restoring his rule. He is not going to stop midway.“

rahmaniDer syrische Oppositionelle Kenan Rahmani dagegen spottet, nachdem die libanesische Hizbollah, die auf Seiten des Assad Regimes kämpft, ihre Zustimmung bekundet hatte:

„Note to John Kerry: When a US-designated terrorist organization operating in Syria supports your deal with Lavrov to fight terrorism in Syria, you should probably rethink your strategy.“

 

ortonDer Syrien-Analyst Kyle Orton geht einen Schritt weiter und meint, wenn – allen Zweifeln zum Trotz – das Abkommen umgesetzt werden würde, erwiese es sich als ein herber, vielleicht vernichtender Schlag gegen die syrischen Rebellen:

„If the deal succeeds as planned – changing the status quo only by removing JFS – it would deliver an existential blow to the rebellion, which will thereafter be neutralized as a strategic threat to the Assad regime. Enabling regime advances in this way will not pacify the country but condemn Syria – a la Algeria – to perpetual war, leaving U.S. interests in a political settlement that stabilizes the country and closes down the favourable environment for terrorist groups unattainable.

The threat to rebels from the eradication of JFS without any replacement of its capacity is not just to their cause, bitter as that would be; it is to their personal security and that of their families, a very powerful motivator. The Assad regime’s systematic atrocities against the Syrian population were assessed by the United Nations to rise to the level of crimes against humanity, including enforced disappearance, rape, and extermination, and Amnesty International recently reported on the nearly-indescribable inhumanity of the conditions in Assad’s prisons, where up to 200,000 people languish. That is what falling back under regime rule means to people in opposition-held territory.

This is why, despite Syrian oppositionists understanding the primacy of Western counter-terrorism priorities in approaching Syria and the lethal consequences, physically and spiritually, of JFS co-opting their rebellion, they will fiercely resist any proposal they believe enables regime advances and why extruding JFS from their midst under these conditions is impossible. The rebels never acceded to JFS’s assiduous efforts to foster interdependence by choice or ideological affinity; it was a tactical and military necessity.“

Inzwischen hat eine der größten islamistischen Rebellenkoalitionen bekannt gegeben, dass sie sich nicht an die Abmachung gebunden fühlen:

„One of Syria’s biggest rebel groups has rejected a truce deal hours before a ceasefire is due to come into effect. Ahrar al-Sham released a statement on YouTube dismissing the deal brokered by the US and Russia, saying it would ‚reinforce‘ the Syrian regime and ‚increase the suffering‘ of civilians.

Ahrar al-Sham makes up one of the largest opposition forces in Aleppo and are the first rebel group to publically react to Friday’s deal. They are believed to be split between fighters sympathetic to al-Qaeda and a more moderate faction.“

Derweil  flog am Sonntag die syrische Luftwaffe weiter ihre verheerenden Angriffe und „attacked residential areas in Aleppo and Idlib, leaving more than 85 killed and injured civilians who were preparing to celebrate the Eid.“

 

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