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Mäßigung auf iranisch: Kopfgeld auf einen Schriftsteller und antisemitische Propaganda

Von Florian Markl

Rechtzeitig zum ‚Jubiläum‘ der Verhängung des Todesurteils über den Schriftsteller Salman Rushdie für dessen Buch „Die satanischen Verse“ haben iranische Medien jüngst eine Prämie in der Höhe von umgerechnet 600.000 Dollar für die Ermordung Rushdies ausgesetzt. Gleichzeitig verschärft das Regime noch einmal seine antisemitische Propaganda und diffamiert u.a. das saudische Herrscherhaus als Juden. Wenige Tage vor den Parlamentswahlen im Iran am 26. Februar stellt das Regime damit eindrücklich unter Beweis, dass die Hoffnung auf eine Mäßigung seiner Politik infolge des Atomdeals – zumal in außenpolitischer Hinsicht – kaum mehr als Wunschdenken ist.


Kopfgeld auf Schriftsteller

Am 14. Februar 1989 erließ der greise Revolutionsführer Khomeini eine Fatwa, ein islamisches Rechtsgutachten, das international für Aufsehen sorgen sollte: Weil Salman Rushdie, britischer Schriftsteller indischer Herkunft, Blasphemie begangen und sich in seinem Buch „Die satanischen Verse“ gegen den Islam, den Propheten Mohammed und den Koran gewandt habe, rief Khomeini die Muslime auf der ganzen Welt zur Ermordung Rushdies und aller an der Veröffentlichung des Buches Beteiligten auf.

Khomeinis Mordaufruf hatte eine Welle der Gewalt zur Folge. In Großbritannien wurden Bombenanschläge auf Buchhandlungen ausgeführt, in denen die „satanischen Verse“ verkauft worden waren. Der japanische Übersetzer des Buches wurde erstochen, sein italienischer Übersetzer sowie sein norwegischer Verleger wurden bei Attentaten schwer verletzt. Rushdie selbst entging mehreren Mordanschlägen und war fortan jahrelang gezwungen, unter schwerer Bewachung ein Leben im Untergrund zu führen.


Medien im Dienste des islamistischen Terrors

27 Jahre nach der Verhängung des Todesurteils erneuerten vierzig staatliche Medien im Iran jetzt den Mordaufruf gegen den Schriftsteller. Von den auf dessen Kopf ausgesetzten 600.000 Dollar stellt den größten Anteil mit rund 30.000 Dollar die den Revolutionsgarden nahestehende Fars News Agency zu Verfügung.

Gelten Medien anderswo als Wahrer der Meinungs- oder Religionsfreiheit, stehen die staatlichen iranischen Medien für das genaue Gegenteil: Im Dienste eines islamistischen Gottesstaates treiben sie die Verfolgung eines Schriftstellers voran, dessen einziges ‚Verbrechen‘ darin bestand, ein Buch geschrieben zu haben, das den Missfallen des totalitären Ideologen Khomeinis und seiner Nachfolger erregt hat.


Antisemitische Kampagne

Gleichzeitig zur Erneuerung des Mordaufrufes gegen Rushdie ergeht sich das iranische Regime bereits seit dem vergangenen Frühjahr in einer neuen Welle antisemitischer Propaganda. So erklärte der dem religiösen Führer Ali Khamenei und den Revolutionsgarden nahestehende schiitische Kleriker Alireza Panahian im Zuge einer Demonstration für die vom Iran unterstützten Huthi-Rebellen im Jemen, dass die Juden für unzählige Verbrechen gegen Muslime und den Islam verantwortlich seien.

„Wir machen die anti-islamischen Juden für die Notlagen im Libanon, in Syrien, dem Irak, Bahrain und Jemen verantwortlich. Wir klagen die reichen Juden und bösartigen Zionisten für die Probleme an, denen die Völker Europas und Amerikas gegenüberstehen. Wenn wir die Region erst von der bösartigen Unterdrückung der islamfeindlichen Juden gerettet haben, werden wir auch die Völker Europas und Amerikas aus der Unterdrückung durch die Zionisten erretten.“

Mit seiner Rede lieferte Panahian einen eindrucksvollen Beleg für das, was der Historiker Saul Friedländer mit Blick auf den Nationalsozialismus treffend als „Erlösungsantisemitismus“ bezeichnet: Eine Ideologie, in der die Verfolgung der Juden nicht weniger als den Schlüssel zur Rettung der Menschheit darstellt.


Das jüdische Herrscherhaus in Saudi-Arabien

In der umfassenden antisemitischen Weltanschauung, die zum ideologischen Kern des iranischen Regimes gehört, sind die Juden für alles Übel verantwortlich. Daher ist es nur konsequent, dass auch das Herrscherhaus des regionalen Rivalen Saudi-Arabien in staatlichen iranischen Medien als jüdisch diffamiert wird.

Die Saudis, so die Behauptung, die im Rahmen einer Propagandakampagne aktuell verbreitet wird, seien die Nachkommen der Juden von Chaibar, gegen die einst der Prophet Mohammed in den Krieg gezogen sein soll. Die heutige Konfrontation zwischen dem Iran und Saudi-Arabien sei dagegen nichts anderes als die Fortsetzung des Kampfes des Propheten gegen die verräterischen Juden.

Das iranische Regime stellt unter Beweis, dass der Antisemitismus nicht nur ein Vorurteil ist, sondern vielmehr eine umfassende Welterklärung: Was auch immer Schlechtes geschehen mag – egal ob sich um einen regionalen Konkurrenten oder um die Terroristen des Islamischen Staates handelt –, dahinter stehen mit Sicherheit die Juden.

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