Mena-Exklusiv

Eine russisch-iranisch-türkische Kolonie namens Syrien

Von Thomas von der Osten-Sacken

Wäre es nicht so tragisch, fast könnte man von Ironie der Geschichte sprechen: Da war jahrelang aus Kreisen linker und rechter Apologeten des Assad-Regimes zu hören, der syrische Präsident und seine Armee verteidigten das Land und die nationale Souveränität nur gegen fremde Invasoren, die von den USA und Israel unterstützt würden. Es hieß, die Syrer, gemeint war damit natürlich das Regime, müßten ihr Schicksal selbst bestimmen, man sei deshalb gegen äußere Einmischung. Als solche galten selbstverständlich nur westliche Interventionen – dass zwischenzeitlich der Iran und Russland de facto die Macht in Syrien übernahmen, schien ihnen kein nennenswertes Problem. In diesem Punkt nämlich waren und sind sie ganz Jünger Carl Schmitts, des bedeutenden nationalsozialistischen Völkerrechtlers, der einstmals von einer „Großraumordnung mit Interventionsverbot für raumfremde Mächte“ träumte.

Die Zeiten haben sich geändert; bis auf einige Gebiete im Nordosten Syriens, in denen die USA Seite an Seite mit der kurdischen PYD gegen den IS kämpfen, spielt der sogenannte Westen in Syrien keine Rolle mehr. Stück für Stück ziehen sich die USA zurück, und Assad selbst dürfte mittlerweile sogar erwarten, dass Europa ihm später den Wiederaufbau seines Landes bezahlen wird.

Auch die Türkei hat gemerkt, wie der Wind sich dreht, und längst ihren Frieden mit den einstigen Gegnern in Teheran und Moskau gemacht. Dafür wird sie großherzig eingebunden. Jüngst erst trafen sie sich, um Syrien endgültig unter sich aufzuteilen:

„Die drei Länder haben sich bei der sechsten Runde der Syrien-Gespräche in der kasachischen Hauptstadt Astana darauf geeinigt, eine sogenannte Deeskalationszone in der nordsyrischen Provinz Idlib einzurichten. Außerdem wollen Teheran, Ankara und Moskau Sicherheitskräfte dorthin entsenden. (…) Die Unterhändler der drei Länder verhandelten in Astana auf Augenhöhe – das syrische Regime und die zersplitterten Rebellen hörten de facto nur zu, während über die Zukunft ihres Landes entschieden wurde.“

In Idlib hat nach langen Kämpfen gegen andere Rebellengruppen vor einiger Zeit al-Qaida die Macht übernommen. Nun wird dort also die Türkei ihr kleines Mandatsgebiet bekommen, während der Iran die Kontrolle über den Süden Syriens ausüben wird und damit den erhofften Zugang zur israelischen Grenze erhält. Schon jetzt finden in Damaskus gezielte Säuberungen statt, in Zukunft wird der Iran diese fortführen, um ein Gebiet zu schaffen, in dem Schiiten die Mehrheit bilden.

Syrer, egal ob aus Regierung oder Opposition, wurden nicht gefragt. Vor 74 Jahren beendete Frankreich offiziell sein Völkerbundmandat über Syrien. De facto sind heute Syrerinnen und Syrer erneut Kolonialsubjekte, alles andere als Bürger eines souveränen Staates. Es sind freilich keine westlichen Besatzungsmächte, die da in Astana verhandelten, sondern die Erben dreier Imperien, die alle bis heute imperialen Träumen nachhängen und gerne an vergangene Größe anknüpfen würden. Sie teilen Syrien so auf, wie ihre Vorgänger Gebiete in Vorderasien untereinander aufteilten, ganz so als hätte es das 20. Jahrhundert mit seinem Fetisch von nationaler Souveränität gar nicht gegeben.

Wenn der Begriff Imperialismus im 21. Jahrhundert noch Sinn macht, dann in diesem Fall. Nur, dass die Antiimperialisten aller Couleur sich im Falle Syriens als Geburtshelfer betätigt haben und verrückterweise bis heute Assad als ihr Idol verehren. Wie alle anderen Syrer auch aber ist der schon längst nicht mehr Herr im eigenen Haus und wird es auch nie wieder werden. In einigen Jahren werden Geschichtsbücher erscheinen, in denen auf diese Entwicklung zurückgeblickt wird. Der Titel für den entsprechenden Abschnitt könnte lauten: „Moderne Geschichte Syriens: Vom französischen Mandat zur russisch-iranisch-türkischen Kolonie.“

 

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