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Der Angriff auf Krankenhäuser als Mittel des Krieges

Von Florian Markl

Nach gezielten Angriffen auf Krankenhäuser in Nordsyrien, bei denen nach Angaben der Vereinten Nationen fast 50 Zivilisten getötet worden sein sollen, ist die internationale Empörung über das Vorgehen der syrischen und russischen Luftwaffe groß. Neu sind derartige Attacken freilich nicht. Die Zerstörung medizinischer Infrastruktur ist vielmehr seit geraumer Zeit Bestandteil der Kriegsführung des Assad-Regimes und seiner Unterstützer. Dabei geht es nicht um die Bekämpfung von „Terroristen“, sondern um die Bestrafung einer Bevölkerung, die es gewagt hat, den Aufstand gegen die Diktatur mitzutragen.


Fassbomben als Bestrafung für den Aufstand

Welche Art von Krieg das Assad-Regime betreibt, lässt sich an den Mitteln ersehen, die es zur Bekämpfung seiner Gegner einsetzt. Dass zu ihnen bevorzugt der Einsatz von sogenannten Fassbomben gehört, ist alles andere als zufällig. Dabei handelt es sich um Metallfässer, die mit Explosivstoffen, Metallteilen und immer wieder auch mit chemischen Kampfstoffen befüllt sind. Fassbomben sind Waffen zur Terrorisierung der Bevölkerung, deren einziger Zweck es ist, möglichst viel Tod und Verderben zu bewirken. Sie werden nicht trotz der Anwesenheit von Zivilbevölkerung eingesetzt, sondern nehmen ganz im Gegenteil diese ins Visier.

Der Darstellung des Regimes und der seiner Apologeten zufolge führt dieses vom ersten Tage an einen Anti-Terrorkampf gegen islamistische Extremisten. Die Vorgehensweise macht jedoch seine Sicht der Gesellschaft deutlich: Bekämpft wird ein Aufstand der sunnitischen Bevölkerungsmehrheit – und einen solchen Aufstand, das gehört im Hause Assad zur Familientradition, beendet man nicht mit gezielten Aktionen von Antiterroreinheiten, sondern mit Artillerie, Luftbombardements, Fassbomben oder auch Giftgas.


Angriffe auf Krankenhäuser

Zu dieser Art von Kriegsführung gehört auch die gezielte Zerstörung von Infrastruktur im Allgemeinen und von medizinischen Einrichtungen im Besonderen. Das Syrian Center for Policy Research stellte in einer Studie vom März 2015 fest, dass die Hälfte aller größeren Krankenhäuser des Landes zerstört oder ernsthaft beschädigt ist. 23 von 90 Spitälern sollen völlig unbrauchbar gemacht worden sein. Betroffen sind spezifische Gebiete: Die Angriffe auf medizinische Einrichtung sind Kollektivstrafen des Regimes gegen Regionen, die von Rebellen gehalten werden.

Die Zerstörungen sowie die Flucht von medizinischem Personal haben dazu geführt, dass es mitten im Krieg so gut wie keine Notfallmediziner mehr gibt. Acht von elf Krankenhäusern in Aleppo, vier von fünf in Deir ez-Zor, sieben von acht im Umland von Damaskus und drei von vier in al-Hasaka berichteten, dass sie über kein richtig ausgebildetes Notfallpersonal mehr verfügen.

Einem Bericht der Physicians for Human Rights war im vergangenen November zu entnehmen, dass in Aleppo, der größten Stadt Syriens, 95 Prozent der Ärzte geflohen, getötet oder wegen ihrer Arbeit inhaftiert worden sind. „Das syrische Regime“, so stellte einer der Autoren der Studie fest, „benutzt Angriffe auf Aleppos Gesundheitssystem als Kriegswaffe.“ Bis zum damaligen Zeitpunkt hatten die Physicians for Human Rights bereits über 300 Angriffe auf Krankenhäuser dokumentiert, 90 Prozent davon sollen vom syrischen Regime ausgegangen sein.


Sicher nicht das letzte Mal

Mit Beginn der direkten militärischen Intervention stimmte Russland in die systematischen Angriffe auf medizinische Einrichtungen ein. Allein von Ende September, dem Beginn der russischen Bombardements, bis Mitte November 2015 soll die russische Luftwaffe bereits zehn Angriffe auf Krankenhäuser unternommen haben, darunter u.a. auch auf solche nahe der türkischen Grenze, die bis dahin von Angriffen des syrischen Regimes halbwegs verschont geblieben waren.

Die Angriffe auf die zivile Infrastruktur sind keine Versehen, die in der Hitze des Gefechts passieren, sondern erfolgen mit voller Absicht. Die Raketen, die vorgestern in Krankenhäusern in Nordsyrien einschlugen, werden mit Sicherheit nicht die letzten gewesen sein.

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