Mena-Exklusiv

„Censored Voices“: Wer hat den Sechs-Tage-Krieg zensiert?

Von Martin Kramer

Die Dokumentation „Censored Voises“ („Zensierte Stimmen“) verspricht, die israelische Militärzensur von Gräueltaten aufzudecken, die während des Krieges 1967 verübt worden seien. Doch das Einzige, was sie aufdeckt, ist die Agenda ihrer Macher. Vorliegender Artikel erschien ursprünglich 2015 auf Englisch im Mosaic Magazine. Da der deutsche Fernsehsender Arte die Dokumentation, auf die er sich bezieht, am 6. Juni 2017 anlässlich des 50. Jahrestags des Sechs-Tage-Krieges in sein Programm nahm, entschloss sich Mena Watch dazu, die Kritik von Martin Kramer auch einem deutschsprachigen Publikum zugänglich zu machen.

Am 26. Januar [2015] brachte die New York Times an prominenter Stelle einen Artikel ihres Jerusalemkorrespondenten Jodi Rudoren, in dem es um einen neuen israelischen Dokumentarfilm ging, der auf dem „Sundance“ Film-Festival in Utah seine Premiere feierte. Laut Rudorens sehr ausführlichem Bericht handelt es sich bei dem Film, „Censored Voices“, um eine aufsehenheischende Enthüllungsgeschichte über den Arabisch-Israelischen Krieg vom Juni 1967 – auch bekannt als der Sechs-Tage-Krieg – wie er in Gesprächen, die direkt nach dem Krieg mit Soldaten geführt wurden, erzählt wird.

Seit seinem Debüt auf dem Sundance wurde die eine Million Dollar teure israelisch-deutsche Co-Produktion auch auf Festivals in Berlin, Florenz, Genf, Madrid, Toronto, Warschau und Zagreb gezeigt. Seine israelische Premierenparty fand auf dem „Docaviv“ Dokumentarfilmfestival in Tel Aviv statt (wo ich ihn gesehen habe), derzeit wird er in den israelischen Kinos gezeigt und in Rezensionen und Feuilletonartikeln in den großen Tageszeitungen besprochen. Ein israelischer Dokumentarfilmsender wird ihn im August ausstrahlen, Rechte wurden nach Kanada, Australien, Neuseeland und quer durch Kontinentaleuropa verkauft, und im Herbst wird der Verkaufsagent des Films ihn in Großbritannien an den Start bringen. Ein amerikanischer Verleih hat die US-Rechte gekauft und plant, ihn Ende des Jahres in die Kinos zu bringen.

„Censored Voices“ wird voraussichtlich ebenso große Wellen schlagen wie „The Gatekeepers“ (deutsch: „Töte zuerst“ [sic!]), die Dokumentation von 2012, in der sechs ehemalige Chefs von Israels Geheimdienst [Shin Bet] zu Wort kamen – wenn nicht sogar noch größere. Und zwar aus demselben Grund: Es werden Israelis gezeigt, die ihr eigenes Land dafür anklagen, bei der Kriegsführung hinter den hohen Standards zurückzubleiben. Und der Film regt zu dem Schluss an, dass die Behauptungen über Fehlverhalten wahr sein müssen, weil die israelischen Behörden die Originalinterviews zensiert hätten: volle 70 Prozent davon hätten sie bewusst dem Vergessen anheim gegeben.

Doch Zuschauer: Vorsicht. 

 

I. Selbstbefragung im Zuge von 1967

Der israelicche Schriftsteller Amos Oz beim Hören seines Interviews

Zuerst der Hintergrund.

Kurz nach dem Krieg von Juni 1967 erschien ein Buch mit dem Titel „Siaḥ Loḥamim“ („Soldiers’ Talk“; “Soldatengespräche”). Es bestand aus Transkripten von auf Tonband aufgenommenen Diskussionen und Interviews, an denen 140 Offiziere und Soldaten beteiligt waren, alle von ihnen Kibbuz-Mitglieder. Die Initiatoren dieser offenherzigen Gespräche waren selbst junge Kibbuz-Intellektuelle, unter ihnen sind vor allem der Pädagoge Avraham Shapira und der damals im Aufstieg begriffene junge Schriftsteller Amos Oz zu nennen. (Letzterer ist einer der alternden Stars von „Censored Voices“: ein Foto von ihm, wie er vor einem Tonbandgerät sitzt und seiner eigenen Stimme lauscht, wurde in der New York Times über drei Textspalten verteilt.)

Inmitten des in Israel weitverbreiteten Jubels über den blitzartigen Sieg über die vereinten Kräfte von Ägypten, Jordanien und Syrien hatten die Tonbandgeräte die anderslautenden Stimmen dieser Kämpfer aufgezeichnet. Sie sprachen von ihrer qualvollen Angst vor dem Gefecht, davon, wie der Wert des Lebens im Krieg sinkt, von ihrer Abscheu vor dem Töten und von unerwarteten Gefühlen für oder Identifikationen mit dem arabischen Feind. Während die meisten der Kibbuzniks den Krieg als gerechtfertigt betrachteten, äußerten einige Zweifel im Hinblick auf die angenommene Heiligkeit des eroberten Landes – sogar bezüglich Jerusalems – und Empörung über die beginnende israelische Besatzung. Über alldem schwebte der Holocaust: vor allem Furcht davor, dass die Araber diesen an Israels Juden wiederholen könnten, doch auch Kummer über scheinbare Parallelen zwischen einigen Taten Israels und jenen der Nazis im Zweiten Weltkrieg.

Das Buch rührte eine Saite an: „Soldiers’ Talk“ wurde mit 100.000 verkauften Exemplaren in Israel ein phänomenaler Erfolg, seine Kibbuznik-Redakteure und Proponenten wurden kleine Berühmtheiten und traten oft auf Lesereisen und in den Medien auf. Sein Ruhm verbreitete sich auch im Ausland: In den Worten Elie Wiesels war es ein „sehr großartiges Buch, sehr großartig“, dank „seiner Redlichkeit, seiner Aufrichtigkeit. Keine Taschenspielertricks, keine Masken, keine Spielchen. Dies ist die Wahrheit, so, wie es war.“ Das Buch wurde am Ende in ein halbes Dutzend Sprachen übersetzt, wobei vor allem die gekürzte englische Fassung unter dem Titel „The Seventh Day: Soldiers’ Talk About the Six-Day War“ zu erwähnen ist. Die Dialoge dienten sogar als Material für ein in New York aufgeführtes Theaterstück.

Mor Loushy

Im Lauf der Jahrzehnte, als Krieg auf Krieg folgte, geriet „Soldiers’ Talk“ in Vergessenheit; bzw. erinnerte man sich nur vage daran, als dem Prototyp eines Genres, über das sich sowohl die Linke als auch die Rechte lustig machte, und das unter dem abwertenden Terminus „Schießen und weinen“ bekannt wurde. Die meisten jungen Israelis von heute hatten nie davon gehört.

Inzwischen aber schon – und mit ihnen viele andere. Vor wenigen Jahren erfuhr Mor Loushy, eine israelische Filmemacherin am Beginn ihrer Karriere, an der Uni von dem Buch. Als ihr klar wurde, dass es auf aufgezeichneten Gesprächen beruhte, machte sie sich daran, die originalen Tonbänder zu finden. Laut Rudorens Bericht in der New York Times „beschwatzte“ sie dann Avraham Shapira, den „alternden Kibbuznik und Philosophieprofessor“, der der Chefredakteur von „Soldiers’ Talk“ gewesen war, „ihr Zugang zu den Originaltonbandaufnahmen zu geben, den er zuvor Legionen von Journalisten und Historikern vorenthalten hatte“. Loushy „verwandte acht Monate darauf, sich 200 Stunden Tonbandaufnahmen anzuhören“, die Stimmen zu identifizieren und die ehemaligen Soldaten, die nun an der Schwelle zum Greisenalter standen, ausfindig zu machen.

Der fertige Film „Censored Voices“ fesselt durch die von Loushy benutzte Technik, Tonbänder und Veteranen zusammenzubringen. Die Veteranen werden gezeigt, wie sie versonnen ihren eigenen Stimmen zuhören, die vor fast einem halben Jahrhundert aufgenommen wurden, doch sie werden nicht darum gebeten, rückblickend darüber zu reflektieren, und es gibt keine Experten, um die Lücken zu füllen. Der Effekt ist somit, den Zuschauer zurück in die Zeit von 1967 zu transportieren und ihm die Empfindung zu geben, intime Geständnisse zu belauschen. Das Laufen der Bänder wird immer wieder mit Filmmaterial von 1967 unterlegt, danach ausgewählt, der Euphorie des Sieges die dunkle Seite des Krieges gegenüberzustellen. Alle diese Techniken kommen schon beim Trailer des Films zum Einsatz.

Die dramatischsten Momente im Film sind die, wo die Soldaten aussagen, sie hätten Akte der Brutalität, die auf Kriegsverbrechen hinauslaufen, beobachtet oder verübt. Ein Soldat gibt zu, er habe Menschen aufgereiht und sie umgebracht: „Es ist, als hätten wir sie ermordet. Es ist Krieg, und praktisch jeder Zivilist und jede Person ist dein Feind.“ Ein anderer sagt: „Ich wusste, ich musste Befehle ausführen. Leute waren auf den Dächern gesichtet worden, ich habe überhaupt nicht darüber nachgedacht, ob sie Zivilisten waren oder keine Zivilisten, ob es notwendig war, sie zu töten oder nicht. Jeden, den wir sehen, töten wir.“ Ein anderer: „Am nächsten Tag übergaben wir die letzten 50 Gefangenen, und in der Nacht töteten wir etwa 50 Leute. Die Fallschirmjäger ließen sie alle beerdigen, und dann kam ein Offizier und brachte den Rest der Gefangenen um, keine Probleme.“

Soldaten erzählen auch von Vertreibungen: „Uns war befohlen worden, durchzuführen, was Evakuierung der Einwohner genannt wurde. Du nimmst diesen Araber, der in seinem Dorf verwurzelt ist, und machst aus ihm einen Flüchtling, nur, um ihn von dort zu vertreiben, und nicht nur einen oder zwei oder drei. Wenn du ein ganzes Dorf gehen siehst, wie Schafe, wo auch immer sie hingebracht werden, und es gibt kein Anzeichen von Widerstand, dann begreifst du, was Holocaust bedeutet.“

Das Fazit aus Sicht eines Rezensenten ist, dass der Krieg von 1967 „nicht als ein israelischer Sieg gegen die Vernichtung durch die umliegenden arabischen Länder“ erscheint, „sondern als die fragwürdige Transformation einer Nation aus einem defensiven David in einen Goliath, der zur Bestürzung seiner eigenen Soldaten arabische Zivilisten ins Exil gezwungen und ermordet hat“. Das also ist die wahrgenommene Realität des Krieges von 1967, so, wie sie diejenigen, die darin kämpften, erfahren haben. Aber wussten wir all das nicht schon aus „Soldiers’ Talk“ selbst? Und wenn nicht, warum nicht?

Hier nun kommt die Reklamebehauptung ins Spiel, die Loushy für ihren „Censored Voices“ macht – und für die dringende Aktualität, die ihren Film auszeichne. „Die israelische Armee“, schreibt Loushy, „zensierte die Aufnahmen und erlaubte nur, dass lediglich ein Bruchteil der Gespräche [in dem Buch] veröffentlicht wird“. Und weil „der israelische Staat diese Gespräche zensiert hatte, erzählt [der Film] auch die Geschichte von Furcht. Wir, als Gesellschaft, haben andere Stimmen geleugnet und sie zum Schweigen gebracht.“ Da dies so sei, prophezeit sie, dass „das Wiederauftauchen jener zensierten Stimmen in der israelischen Gesellschaft zweifellos einen großen Sturm auslösen wird“ und erklärt die besondere Relevanz ihres Films für „die derzeitige israelische Realität mit unserer rechten Regierung, die immer noch versucht, alternative Stimmen zum Schweigen zu bringen“.

Mor Loushy

Loushy kann für das Ausmaß der angeblichen Unterdrückung sogar eine Zahl anführen. Obwohl die Redakteure diese Gespräche „als Buch veröffentlichen wollten“, wird sie zitiert, „zensierte die israelische Zensur 70 Prozent von dem, was sie veröffentlichen wollten“. Diese Behauptung wird von Shapira selbst bestätigt. In einem Bericht vom 30. Mai 2015, der in Israels Kanal 2 gezeigt wurde, erscheint er mit einem aufgeschlagenen Aktenordner vor sich. „Hier auf meinem Schreibtisch ist ein kleiner Teil der 200 Stunden transkribierter Gespräche. Wir haben alles dem Zensor vorgelegt, wie es üblich war und es das Gesetz verlangte. Als uns das Material zurückgegeben wurde, waren fast 70 Prozent davon gelöscht, vollständig gelöscht.“

Die Zahl 70 Prozent taucht regelmäßig in Artikeln und Besprechungen auf und erscheint gehorsamerweise auch in den amerikanischen jüdischen Wochenzeitungen Forward und Jewish Journal: “Die israelische Regierung zensierte 70 Prozent des Materials. Shapira veröffentlichte die übrigen 30 Prozent in seinem Buch.“ Die Zahl wurde auch vom Economist aufgegriffen: „70 Prozent der Interviews wurden damals von der Armee zensiert, die fürchtete, dass die Erzählungen der Soldaten über die Ermordung von Gefangenen, die Erschießung von Zivilisten und die Deportation von palästinensischen Dorfbewohnern einen Schatten auf den glorreichen Sieg werfen könnten.“ Der Film selbst beginnt mit der vor der Kamera gemachten Beteuerung, das Militär habe nur 30 Prozent der Aufnahmen zur Veröffentlichung freigegeben – die einzige unabhängige Tatsachenbehauptung, die in „Censored Voices“ gemacht wird.

Ist das wahr? Als ich sah, wie „Censored Voices“ immer größere Resonanz bekam, schien mir irgendetwas an der Hintergrundgeschichte nicht plausibel zu sein – und bei näherer Betrachtung verstärkte sich mein Verdacht. Also ging ich ihm nach. Es zeigt sich, dass die Geschichte von „Soldiers’ Talk“ weit entfernt davon ist, einfach nur eine Geschichte von skandalöser staatlicher Zensur zu sein. Vielmehr gibt es triftige Gründe, in Zweifel zu ziehen, dass eine Militärzensur die Gespräche „brutal“ (Loushys Begriff) zensiert hat oder überhaupt viel davon der Zensur zum Opfer fiel.

Wenn das – wie ich hoffe, im Folgenden zu zeigen – so ist, dann ist der Werbehype um „Censored Voices“ eine Täuschung. Und wenn dies so ist, dann zieht dies in Zweifel, ob die Filmemacher in gutem Glauben gehandelt haben. Schließlich ist „Censored Voices“ ebenso wie „Soldiers’ Talk“ selbst ein Produkt sorgfältiger Auslese. Seine Regisseurin verlangt von uns, ihr zu glauben, dass sie jene Materialien ausgesucht hat, die sowohl den Tatsachen entsprechen als auch im großen und ganzen repräsentativ sind für den Sechs-Tage-Krieg.

Solches Vertrauen wäre dann aber zutiefst unangebracht.

 

II. Zensur oder Selbstzensur?

Jede Überprüfung der Editionsgeschichte von „Soldiers’ Talk“ führt rasch zur Arbeit von Alon Gan, einem Kibbuznik der dritten Generation, der heute Geschichte am Kibbuzim-Kolleg für Bildung lehrt. 2003 beendete Gan eine Dissertation über „Soldiers’ Talk“, bei der Avraham Shapira assistiert hatte. Laut Gan gab ihm Shapira Zugriff auf die ursprünglichen Bänder und Transkripte. Ein Artikel in einer Kibbuzzeitung von 2006 beschreibt diesen Vorgang so: „[Shapira] öffnete Alon [Gan], seinem herausragenden Schüler, sein privates Archiv und gab ihm für seine Doktorarbeit Zugang zum Rohmaterial: Dutzende von Tonbändern, die in Yad Tabenkin [dem Archiv der Kibbuzbewegung] aufbewahrt wurden, und Hunderte Blätter von Transkripten, die in seiner Wohnung im [Kibbuz] Yizrael vergilbt waren.“

Es war Gan, der als Erster die Unterschiede zwischen den aufgezeichneten Gesprächen und der ersten Auflage von „Soldiers’ Talk“ bemerkte und dokumentierte. Selbstverständlich hätte ein großer Teil des Rohmaterials ohnehin geschnitten werden müssen. Die Gespräche hatten 200 Stunden Tonbandaufnahmen produziert. Wie einer der Interviewer des Projekts sich später erinnerte: „Die meisten der ausrangierten Bänder fanden aus banalen Editionsgründen keinen Eingang in die Sammlung: Enge der Perspektive, begrenzter Platz, Vermeidung endloser Wiederholungen. Offenherzige Gespräche hatten Vorrang vor Gesprächen mit Teilnehmern, denen es schwer fiel, sich zu öffnen.“ „Wir hatten eine Menge Material“, sagte einer der Herausgeber, „und nur ein kleiner Teil davon kam in das Buch“.

Darüber hinaus zeigt sich, dass auch andere Editionsprinzipien am Werk waren. Verworfen wurde insbesondere Material, das nicht zur politischen Agenda der Redakteure passte. Shapiras Interviewer waren z.B. zur Yeshiva Merkaz Harav in Jerusalem gegangen, in der Hoffnung, dort religiöse Soldaten zu finden, die von denselben Zweifeln geplagt waren wie die säkularen Kibbuzniks. An diesem fünfstündigen Gespräch nahmen auch Soldaten teil, die später Hauptakteure der Siedlerbewegung werden sollten. Amram Hayisraeli, einer der Kibbuzniks, die an diesem Dialog teilnahmen, sollte dies später das „vielleicht wichtigste Gespräch“ in dem Projekt nennen. Doch als Amos Oz das Transkript las, brach er in Wut aus: Keiner der sechs religiösen Soldaten „verstand den Schmerz, das moralische Problem, oder dass es da überhaupt ein Problem gab“. Oz verurteilte sie als „grob, selbstgefällig  und arrogant“ sowie als „einfach unmenschlich“.

Shapira selbst entschied sich dazu, die religiösen Soldaten ganz wegzulassen und dies im Folgenden zu verheimlichen: „Ich beschloss, dass die Gespräche nicht mit aufgenommen werden sollten. … Ich legte den anderen die wahren Gründe nicht offen, und ich rationalisierte die Sache, indem ich ‚technische Gründe’ anführte.“

Doch die Redakteure übten auch auf ihrer eigenen Seite des politischen Spektrums Selbstzensur. Beispiel: Einige Soldaten drückten entweder sehr linksradikale Ansichten aus oder erwähnten angebliche Grausamkeiten gegen arabische Zivilisten und Kriegsgefangene. Im veröffentlichten Text wurden diese Bezüge entweder getilgt oder unter eine dicke Decke von Euphemismus gepackt. Wie Gans Dissertation recht detailliert zeigt, haben die Redakteure vor allem an Passagen herumgedoktert oder sie geglättet, die man als Widerspruch zum israelischen Ideal der „Reinheit der Waffen“ lesen oder sogar als Kriegsverbrechen auffassen konnte.

Avraham Shapira

Kurz: Shapira und sein Team haben das Material, das in den veröffentlichten Text Eingang fand, behutsam geschönt. Obwohl Gan spekuliert, dass so oder so „die externe Zensur es den Redakteuren nicht erlaubt hätte“ bestimmte Materialien zu veröffentlichen, lässt sich, so Gan weiter, „nicht leugnen, dass die Redakteure [selbst] ein Bild geschaffen haben, das die positiven Seiten und die moralische Dimension im Verhalten der Soldaten betont, und jene Schilderungen herunterspielt. …  Verschiedene Editionen der Aussagen hätten das Bild einiger Soldaten und Offiziere in einem jeweils unterschiedlichen Licht erscheinen lassen (oder, um genauer zu sein, in Finsternis).“

„Natürlich gab es Zensur“, folgert Gan, „das meiste davon vonseiten der Redakteure selbst, sei es aus Sicherheitsgründen oder aus gesellschaftlich-öffentlichen Gründen oder aufgrund eines Gefühls der Verantwortung für die Interviewpartner.“ Was Gans Meinung nach mehr als alles andere Shapira und seine Kollegen dazu bewog, die Schnitte zu machen, war „ein Gefühl großer öffentlicher Verantwortung. Es war für einige von ihnen offensichtlich, dass einige der Aussagen sozialer Sprengstoff waren, der nicht veröffentlicht werden sollte, um die Aufmerksamkeit nicht von der allgemeinen Atmosphäre abzulenken, die die Redakteure dem Leser anschaulich machen wollten.“

 

III. 70 Prozent

 Was geschah dann? Wie Gan dokumentiert, wurde „die erste Edition, unternommen von Avraham Shapira, ohne Rücksicht auf externe Zensur“ privat für die Verbreitung in Kibbuzim gedruckt. Sie war klar gekennzeichnet als „intern, nicht für den Verkauf“, wurde im Oktober 1967 in farblosen Buchdeckeln herausgegeben und musste nicht vom Zensor genehmigt werden.

Doch Exemplare davon zirkulierten bald auch jenseits der Kibbuzim, und die Redakteure verschickten auch welche an Journalisten und Schriftsteller. Äußerungen aus den Gesprächen und sogar Exzerpte daraus fanden ihren Weg in die Presse. Als das Interesse wuchs, entschieden sich die Redakteure, eine kommerzielle Publikation anzustreben – ein Schritt, der es nötig machte, die private Edition dem obersten Militärzensor, Oberst Walter (Avner) Bar-On vorzulegen. Dort kam das Projekt ins Stocken: Laut Gan „schlug der oberste Zensor vor, fast jeden politisch aufgeladenen Satz zu streichen, jeden Satz, der ein moralisches Dilemma beschrieb, wie etwa Plünderung, die Behandlung von Gefangenen, Flüchtlingen etc.“

Mordechai Bar-On

Wäre der Prozess an dieser Stelle zu Ende gewesen, „Soldiers’ Talk“ wäre entkernt worden. Doch er endete nicht dort. Im Januar 1968 kontaktierten die Herausgeber den obersten Bildungsoffizier der Armee, Oberst Mordechai („Morele”) Bar-On (nicht verwandt mit Walter/Avner Bar-On), und baten ihn um sein Eingreifen. Beeindruckt von dem Projekt nahm er es unter seine Fittiche und bat den Generalstabschef, Generalleutnant Yitzhak Rabin, um Erlaubnis, die Verantwortung für alle Teile des Inhalts übernehmen zu dürfen, die keine militärischen Geheimnisse enthüllten. Rabin stimmte zu, und Mordechai Bar-On fiel nun eine Schlüsselrolle dabei zu, das Projekt durch die Zensur zu bekommen.

Welche Streichungen verlangte der Zensor? In Shapiras Besitz befindet sich ein Exemplar der privaten Edition, mit vielen Entfernungen und Änderungen, die von Walter Bar-On vorgeschlagen wurden (in grün), und weniger davon, die Mordechai Bar-On (in blau) vorgeschlagen hat. Zusammen hätten diese eine substanzielle Veränderung eines bereits verwässerten Textes bedeutet und wären auf massive staatliche Zensur hinausgelaufen. Shapira und Oz lehnten die vorgeschlagenen Änderungen insgesamt ab; Oz war besonders vehement. Eine Verhandlung folgte. „Ich saß mit Mordechai Bar-On zusammen“, sagte Shapira kürzlich in einem Interview, „gemeinsam gingen wir die Streichungen des Zensors durch, und was wiederhergestellt werden konnte, haben wir wiederhergestellt“.

Das Ergebnis? Gan hat das Exemplar mit den Markierungen des Zensors gesehen und festgestellt, dass fast alles wiederhergestellt war: „Vergleicht man die öffentliche Edition mit den vorgeschlagenen Änderungen des Zensors [Walter Bar-On] und den Vorschlägen von Mordechai Bar-On, dann ist offensichtlich, dass sich die Hartnäckigkeit der Initiatoren der Sammlung, die entschlossen waren, fast genau an der ersten [privaten] Edition festzuhalten, ausgezahlt hat, mit Ausnahme von nur einigen wenigen Änderungen. Mordechai Bar-On hat offenbar die Argumente [der Herausgeber] akzeptiert und Walter Bar-On überzeugt, sich ihm anzuschließen.“

Die öffentliche Ausgabe, die im Mai 1968 auf den Markt kam, trug den Hinweis, dass nach dem Urteil der Herausgeber „kleinere Änderungen vorgenommen worden sind“; Gan befindet die Änderungen für „tatsächlich kleinere“. Sein unmissverständliches Fazit: „Abgesehen von kleineren Streichungen ist die öffentliche Fassung wenn nicht ganz, so doch weitgehend identisch mit der privaten. … Auf der Basis der Belege ist es offensichtlich, dass die Rolle der externen Zensur geringfügig war im Vergleich zur Zensur, die die Initiatoren der Sammlung vor dem Eingreifen des Zensors selbst geübt haben.“

Yariv Ben-Aharon

Wenn das stimmt, dann ist es zweifelhaft, ob sowohl der Chefzensor als auch Mordechai Bar-On überhaupt je irgendwelche der Aussagen gesehen oder gehört haben, auf welche die verstörenderen Anschuldigungen zielen, die in Loushys Film gemacht werden. Sie alle wurden dann im Vorhinein von den Herausgebern der privaten Edition herausgenommen. Gan zitiert auch Bemerkungen, die einer der Herausgeber, der Romancier und Pädagoge Yariv Ben-Aharon, 1968 gemacht hat, und die in dieselbe Richtung gehen: „Wir haben strenge Zensur geübt, wir haben immer wieder überarbeitet, gekürzt und eine Menge geschnitten, manches auch verworfen. Die offizielle Zensur hat sehr wenig gestrichen. Es ist offenkundig, dass es durch unsere Zensur einige Mängel im Buch gibt, und dass vieles fehlt. Es gibt Leute, die vom Töten im Allgemeinen sprechen, und die Einzelheiten sind nicht in dem Buch. Das lässt den Eindruck der Selbstgerechtigkeit zurück.“

Kurz gesagt, wird der Behauptung, die Loushy (und auch Shapira verspätet) über massive staatliche Zensur von „Soldiers’ Talk“ gemacht hat, von Gans eingehender Studie über die Editionsgeschichte des Buches direkt widersprochen. Yariv Ben-Aharon widerspricht ihr ebenfalls direkt. Genauso wenig ist die vorgebrachte Anschuldigung einer „brutalen“ staatlichen Zensur angesichts von Mordechai Bar-On gedeckt, der eng darin eingebunden war, den Text am Zensor vorbeizusteuern.

Bar-On, der später einer der Gründer von der Friedensorganisation „Peace Now“ wurde, ist mit 86 Jahren immer noch aktiv und ein wenig stolz darauf, dass es ihm gelungen ist, „Soldiers’ Talk“ nur mit wenigen Änderungen durch die Militärzensur zu bekommen. „Ich wurde zum Sprecher für das Buch [in der Armee]“, erinnert er sich. „Hier und da habe ich den einen oder anderen Satz weicher gemacht, aber insgesamt nicht viel.“ „Ich erinnere mich heute nicht mehr, was wir aus dem Text aussortiert haben“, hat er in seiner neueren Autobiografie „Ein Kind des vergangenen Jahrhunderts“ geschrieben: „nicht viel, und überhaupt waren es Dinge, von denen die Herausgeber meinten, dass sie heruntergespielt oder weicher gemacht werden sollten“. Ich habe Mordechai Bar-On, den damaligen obersten Bildungsoffizier, zu der Behauptung befragt, der Zensor habe 70 Prozent des Materials abgelehnt. Er sagte mit einem Lachen: „Vielleicht zwei oder drei Prozent.“

Mor Loushy hat Bar-On nie konsultiert; dieser hatte von „Censored Voices“ nicht einmal etwas gehört, als ich ihn vor einigen Wochen fragte, nachdem der Film in Israel angelaufen war. 

 

IV. Schlagzeilen machen

Der Skandal der offiziellen Zensur, insbesondere durch den Staat Israel, ist etwas, mit dem Schlagzeilen gemacht werden, strenge Selbstzensur durch einen Kibbuznik hingegen nicht. Dass Loushys Film von dem Narrativ der „brutalen“ Zensur profitiert, versteht sich von selbst, und jene Narrativ wird in der Reklame für „Censored Voices“ unablässig eingesetzt. Doch warum hat Shapira selbst dazu beigetragen? Einigen Hintergrund dazu liefern Anklagen und Gegenanklagen, die es im Zuge von Gans Forschung gab.

Tom Segev

Gans Enthüllungen, die in einer nicht veröffentlichten Doktorarbeit erschienen, erregten 2003 keine Aufmerksamkeit. Doch das änderte sich zwei Jahre später, als der israelische Journalist und Historiker Tom Segev „Soldiers’ Talk “ in seinem Buch „1967: Israel, the War, and the Year that Transformed the Middle East zahlreiche Seiten widmete (S. 442–447 der englischen Fassung). Segev, der sich vollständig auf Gans Dissertation stützt, bezichtigte Shapira und sein Team der absichtlichen Textveränderung. „Teile des Transkripts wurden vor der Drucklegung verändert“, schreibt er, „in einigen Fällen bis hin zur Verzerrung, um die Worte anzupassen an das Bild unschuldiger junger Soldaten, verzweifelter Humanisten. … Die Herausgeber achteten darauf, es zu vermeiden, die Sprecher vom nationalen Konsens zu entfernen – stattdessen taten sie das Gegenteil, platzierten sie in der Mitte der ersten Reihe.“

In einem folgenden Interview ging Segev weiter: „Es ist verblüffend, wie gründlich dieses Ding ediert, zensiert, inauthentisch war. Es gab einen Gleichklang der Interessen der Gesellschaft, die ein Bild wie dieses benötigte, und dem Kibbuz, der ein Bild wie dieses benötigte. Sie haben dieses Ding erfunden.“ Benny Morris wiederholte diese Anschuldigung in einer Besprechung von Segevs Buch: „Die ursprünglichen Transkripte wurden von den Herausgebern geändert und zensiert … Es gelang ihnen, einen ‚ehrlichen’, bewegenden, liberalen Antikriegstext zu schaffen, der nur teilweise dem ähnelte, was in den ursprünglichen Gesprächen wirklich gesagt worden war.“

Plötzlich wurden die Herausgeber, allen voran Avraham Shapira, öffentlich bezichtigt, die Worte der Soldaten gefälscht zu haben, um sie im Rahmen der akzeptablen Grenzen zu halten. Shapira, der dafür gefeiert worden war, dass er „Soldiers’ Talk“ initiiert hatte, fand sich auf der Anklagebank wieder, weil er es zensiert habe. „Was Tom Segev mir in seinem Buch und dem Interview zuschreibt“, antwortete er, „ist sehr verletzend, nicht nur für die Glaubwürdigkeit eines zentralen Gebiets meiner Arbeit seit 1960, sondern für meinen eigenen menschlichen Charakter“. Was Gan betrifft, auf dessen Dissertation Segev sich gestützt hatte, so war dieser erschrocken darüber, welchen Gebrauch Segev von seiner Arbeit gemacht hatte: Shapira „der Manipulation zu zeihen, der Verzerrung und des absichtlichen Dichtens von Mythen, ist unfair und nicht korrekt. … Segev hat Behauptungen aufgestellt, in meinem Namen, die ich nicht beabsichtigt habe.“

Man kann darüber streiten, ob Shapiras Redaktion „Soldiers’ Talk“ seiner Ehrlichkeit beraubt hat. Doch eines ist sicher: Als er mit der Kritik konfrontiert wurde, hat er sich nicht auf die Entschuldigung militärischer Zensur zurückgezogen. Im Gegenteil insistierte er: „Ich nehme volle und ganze Verantwortung für die Redaktion von „Soldiers’ Talk“ in seiner Buchform auf mich – interne Verantwortung gegenüber all den Teilnehmern und öffentliche Verantwortung.“

Benny Morris

Shapira hatte nichtsdestoweniger seine Lektion gelernt. Indem er es Gan gestattet hatte, das Buch mit den ursprünglichen Transkripten zu vergleichen, hatte er sich beschämender Kritik ausgesetzt, vor allem vonseiten Israels revisionistischer Schule der „neuen Historiker“. In diesem Licht ist es nicht schwer zu verstehen, weshalb er später anderen Journalisten und Historikern, die erpicht darauf waren, die ursprünglichen Manuskripte zu sehen, die kalte Schulter zeigte. Wie Loushy berichtet: „Viele große israelische Nachrichtenorgane versuchten, [das Material von Shapira] zu bekommen, ebenso ausländische Journalisten. Er hat nie zugestimmt, es irgendjemandem zu geben.“ Kein Wunder: Deren Ziel wäre es gewesen, noch weitere Diskrepanzen zwischen dem, was gesagt, und dem, was veröffentlicht  wurde, zu finden.

Warum hat er dann Loushy Zugang gewährt, die gerade an der Filmhochschule graduiert und nur eine Produktion unter ihrem Namen vorzuweisen hatte, die aber nicht weniger erpicht darauf war, weitere Differenzen aufzudecken? Loushy führt das auf persönliche Chemie zurück: „Ich begann, ihn zu jagen; zuerst hat er meine Anrufe nicht angenommen. Schließlich ging ich zu einem Vortrag, den er hielt. Sofort sagte er mir: ‚OK, komm zu meinem Kibbuz.’ Vom ersten Moment, als wir uns trafen, war da etwas. Ich weiß nicht wie, aber er glaubte an mich und wir begannen diese interessante Reise zusammen.“

Das ist alles sehr cinematisch: Der runzlige alte Guru kapituliert spontan vor der Aufdringlichkeit einer begierigen jungen Ministrantin und gewährt ihr unbeschränkten Zugang zu seiner verschlossenen Schatztruhe von Geheimnissen. Vielleicht war es so. Doch Loushy, die verzweifelt Shapiras Kooperation brauchte, um ihren Film zu machen, war offenkundig bereit, etwas zu tun, das Alon Gan im Jahr 2003, in einer beaufsichtigten und von einem Schiedsrichter begutachteten Doktorarbeit niemals hätte tun können: Shapira von jedem Vorwurf der Selbst-Zensur des Buches freisprechen.

Hat Shapira ihr das vorgeschlagen? War es ihre Idee? Was auch immer die genauen Ursprünge der Behauptung einer „brutalen“ offiziellen 70-Prozent-Zensur sein mögen, befreiten sie jedenfalls zweckdienlich Shapira von seinem Stigma. („Ja, es gab Zensur“, sagt er in einem neuen Interview, „und sie wurde nicht von uns ausgeübt.“) Zudem verlieh dies Loushys „Knüller“ den starken Hauch des Skandals, den offizielle Verschleierungen mit sich bringen. Israels Soldaten haben nicht nur Verbrechen verübt, sondern Israels Militärzensur versuchte obendrein, sie zu vertuschen. Staatliche Zensur von Gräuelgeschichten kann als De-facto-Eingeständnis ihrer Richtigkeit ausgelegt werden.

 

V. Das Problem mit Kriegserzählungen

Was ist dann mit den Erzählungen der Soldaten? Es wäre naiv, anzunehmen, dass israelische Soldaten unfähig wären, irgendeine der Taten zu verüben, die sie in dem Film beschreiben. Für Vertreibungen und das Töten von Zivilisten und sogar von Gefangenen gibt es Präzedenzfälle 1948 und 1956. Doch ebenso naiv wäre es, anzunehmen, dass sich die Dinge so ereignet hatten, wie die Soldaten sie beschrieben.

Das liegt an dem üblichen Problem mit Kriegserzählungen – sie mutieren und wachsen in der Erzählung. Das ist kein Klischee. Es gibt eine Reihe von Forschungsarbeiten, vor allem in Zusammenhang mit Klagen von Veteranen über posttraumatisches Stresssyndrom, in denen dieses Problem untersucht und quantifiziert wird. Eine einflussreiche Studie kommt zu dem Ergebnis, dass fast 40 Prozent der Vietnam-Veteranen, die behaupteten, gefechtsbezogenen Stress erlitten zu haben, überhaupt nicht im Gefecht waren. Das waren oft dieselben, die häufiger beschrieben, wie sie Grausamkeiten auf dem Schlachtfeld erlebt oder verübt hätten. Der prominente Psychiater Sir Simon Wessely hat diesen Schluss so resümiert: „Kriegserzählungen ändern sich, abhängig davon, wer sie  erzählt, wer der Zuhörer ist und warum die Geschichte gerade erzählt wird.“ Wenn man der Ansicht ist, dass israelische Soldaten nicht tugendhafter seien als andere Soldaten, muss man akzeptieren, dass auch ihre Aussagen nicht zuverlässiger sind.

Die Lösung eines Historikers besteht darin, die Schilderungen von Soldaten als Ausgangspunkt zu nehmen und mit anderen Quellen abzugleichen. Das Problem mit dem Konzept von „Soldiers’ Talk“ ist, dass das Buch nicht dazu gedacht war, die Belege zu sammeln, die dies möglich machen würden. Amos Oz, selbst ein Autor von Belletristik, hat von Anfang an die Tonart des Projekts vorgegeben: Sprecht nicht über das, was Ihr während des Krieges getan habt, instruierte er die Teilnehmer, sondern über das, was Ihr erfahren habt. „Das Schlüsselwort hier“, erinnerte er sich, „ist, was Ihr gefühlt habt“. „Soldiers’ Talk“ war kein Projekt zur Aufdeckung und Dokumentation von Kriegsverbrechen. Es ging darum, die Gefühle der Soldaten herauszulocken, auf eine Art, die eher zu einer internen Gruppentherapie passt als zu einer Ermittlung. Deshalb unternahmen die Organisatoren keine Versuche, Einzelheiten über spezifische Ereignisse zu sammeln und zu erhärten, und die Soldaten nannten keine Namen, Orte oder Daten.

Von Israel gefangen genommene ägytische Soldaten

Nicht nur, dass „Censored Voices“ keinen Versuch macht, die fehlenden Details einzufügen; der Film vernebelt das Bild noch weiter. Bildmaterial wird gezeigt, um einige der Behauptungen zu illustrieren – an der Straße verstreute Leichen feindlicher Soldaten, Flüchtlinge, die sich mit ihren Habseligkeiten auf dem Rücken wegschleppen –, doch es sind keine Aufnahmen der tatsächlichen Schauplätze, die von den sprechenden Soldaten beschrieben werden, und es gibt auch keine Bildunterschriften, die sagen, was dort zu sehen ist. Wir hören Stimmen, die Geständnisse oder Anschuldigungen machen, doch wir wissen nicht, wer dort redet, und die Soldaten werden erst am Ende des Films beim Namen genannt. („Die meiste Zeit“, bemerkt ein amerikanischer Rezensent, „werden die Männer als austauschbar behandelt“). Unter diesen Umständen ist der Wahrheitsgehalt irgendeiner einzelnen Anschuldigung schwer, wenn nicht unmöglich zu überprüfen.

Doch nehmen wir für diese Diskussion einmal an, dass die Handlungen, die in „Censored Voices“ geschildert werden, so wie beschrieben stattgefunden haben. Nehmen wir ferner sogar an, dass die Fälle, die Loushy nicht aufgenommen hat – sie behauptet, es gäbe Dutzende weitere – einen wahren Kern haben. Müsste dann die Sicht Israels und der Welt auf den Krieg von 1967 revidiert werden? Wohl kaum.

Vertreibungen von palästinensischen Arabern? Einige wenige Fälle sind gut belegt (vor allem Dörfer bei Latrun), doch keine Vertreibung betraf mehr als ein paar Tausend Personen, und einigen der Vertriebenen wurde erlaubt, zurückzukehren (das gilt vor allem für Qalqiliya). Eine viel größere Zahl, 200.000, verließ die West Bank Jordaniens in Richtung East Bank. Ein UN-Sondervertreter, der im Juli 1967 vor Ort war, sagte in einem Bericht, er habe „keine spezifischen Berichte erhalten, die darauf hindeuten, dass Personen physisch gezwungen worden wären, zur East Bank auszureisen“. Der Bericht erwähnt Israels Behauptung, es habe zur Ausreise nicht „ermuntert“, sowie arabische Anschuldigungen, in denen von Brutalität und Einschüchterung die Rede ist; sodann verweist er auf „die unvermeidliche Auswirkung, die Feindseligkeiten und militärische Besatzung als solche auf eine verängstigte Bevölkerung haben, insbesondere dann, wenn keine Maßnahmen zur Beschwichtigung ergriffen werden“. Kurz: Die Menschen flohen.

Am Ende führte der Krieg von 1967 nicht zu einer massiven Verdrängung von palästinensischen Arabern, wie sie den Krieg von 1948 charakterisiert hatte. Dieser frühere Krieg hatte ganze arabische Städte geleert: Jaffa, Lydda, Ramla. Der Krieg von 1967 leerte keine. Stattdessen war Israel bei seinem Ende Besatzer von stark palästinensisch-arabischen Gebieten. „Censored Voices“ jedoch erweckt den Eindruck, 1967 habe auf die Palästinenser Auswirkungen ähnlich wie 1948 gehabt, während in Wahrheit der Charakter und die Folgen nicht unterschiedlicher hätten sein können.

Yeshayahu Gavish mit Premierminister Levi Eshkol

Tötungen von Gefangenen und sich ergebenden oder fliehenden feindlichen Soldaten? Das ist passiert, und wir können das des Schilderungen Yeshayahu Gavishs entnehmen, der 1967 Israels südlichen Führungsstab leitete. In einer Schlussbesprechung nach dem Krieg kam er auf die Verwirrung im Hinblick auf ägyptische Gefangene zu sprechen: „Die Schuld fällt auf mich, nicht auf den Stab. Es stimmt, dass wir nicht wussten, was wir mit den Gefangenen machen sollten. … Unser Konflikt in diesem Krieg war, den Feind zu zerstören – dies war der Befehl, und es ist ziemlich dumm ‚zerstört den Feind’ und ‚nehmt Gefangene’ in denselben Satz zu packen. Das wurde nicht geklärt. Das fing in der ersten Phase an, und später mussten wir uns um die Gefangenen kümmern, und es wurde klar, dass das Zerstören des Feindes eine bestimmte Bedeutung hatte, wenn ein großer Prozentsatz von ihnen im Feld herumirrte.“

Doch die Verwirrung hielt nicht an. Israel nahm schließlich 6.000 Ägypter gefangen, und Tausende weitere wurden auf den Weg Richtung Suezkanal geschickt (wo, laut einigen israelischen Zeugen, ägyptische Soldaten auf sie schossen, weil sie den Rückzug angetreten hatten). Nach dem Krieg sammelte Israel überall auf dem Sinai ägyptische Nachzügler auf und schickte sie nach Hause. Das Internationale Komitee des Roten Kreuzes (IKRK) berichtete im Juli 1967 über diese Operation: „Eine große Zahl ägyptischer Soldaten befand sich nach dem Waffenstillstand in der Sinaiwüste in großer Not. Die IKRK-Delegierten beteiligten sich an den Rettungsoperationen; die Verantwortung für diese übernahmen in erster Linie die israelischen Behörden. Diese Operationen wurden erschwert durch die Tatsache, dass das Gebiet sehr groß ist und viele der Soldaten auf großer Fläche zerstreut waren. Oft mussten sie mit dem Hubschrauber gesucht werden, manchmal einzeln; Versorgungsgüter mussten mit Tanklastern herbeigeschafft werden. Rund 12.000 Soldaten wurde es ermöglicht, in ihr Heimatland zurückzukehren. Die Beförderung versprengter Soldaten Richtung Ostufer des Suezkanals und anschließend auf die andere Seite wurde fortgeführt; Ende Juni war diese Operation beinahe abgeschlossen.“

Generalstabschef Yitzhak Rabin mit Yeshayahu Gavish

„Ich sage nicht, dass es keine Fehltritte gab“, räumte der damalige Ministerpräsident Yitzhak Rabin 1995 ein, als Behauptungen über die Tötung von Gefangenen im Krieg von 1967 aufkamen. Doch „diese Ereignisse waren wirkliche Ausnahmen“. Prominente Chronisten des Krieges sprechen ebenfalls von „vereinzelten Vorfällen israelischer Verstöße“ (Michael Oren) und „vereinzelten Verstößen“ (Yossi Klein Halevi). Wenn das wahr ist, dann ist der mikroskopische Blick auf solche Fälle in „Censored Voice“ äußerst unverhältnismäßig. „Es gab hässliche Dinge“, sagt einer der ursprünglichen Interviewpartner, nachdem er den Film gesehen hat, „doch diese zu einer solch schwerwiegenden Situation zu machen, das ist übertrieben. … Plötzlich werde ich in den Augen meines Enkels wie jemand aussehen, der Gefangene tötet und Leute vertreibt. Das ist nicht wahr.“

Negieren oder konterkarieren solche Fälle, wie viele es auch geben mag, das israelische Narrativ, dass dieser Krieg notwendig und gerechtfertigt war? Oder sind sie einfach Belege dafür, dass selbst notwendige und gerechte Kriege nicht immer innerhalb der Regeln geführt werden? Die Antwort, die „Censored Voices“ auf diese Frage gibt, unterscheidet sich kein bisschen von der Antwort, die „Breaking the Silence“ gibt, eine israelische NGO, die Aussagen ungenannter israelischer Soldaten sammelt und publiziert, die behaupten, Kriegsverbrechen beobachtet zu haben. Beide stürzen sich auf Ereignisse, die vielleicht isoliert auftauchen und isolieren sie noch weiter, indem sie sie aus ihrem größeren Zusammenhang reißen und sie wie blutige Bettlaken in die Luft halten. Wenn Israel keinen perfekten Krieg führen kann, so lautet die Prämisse, dann darf es gar keinen Krieg führen, auch nicht zu seiner eigenen Verteidigung.

Danny Sivan und Mor Loushy beim Sundance Film-Festival

Die Herangehensweise von „Censored Voices“ ist sogar noch selektiver als die von Israel-Bashing-NGOs. Loushy hat die Ereignisse nach dem zusätzlichen Kriterium des Unterhaltungswerts ausgesucht. Danny Sivan, der Produzent des Films (und Loushys Lebensgefährte) hat zugegeben, dass die beiden nicht „Geschichten wollten, die nur Informationen vermitteln, sondern die etwas in deinem Innern aufwühlen, um eine emotionale Kinoerfahrung zu kreieren, nicht nur ein informatives Dokument.“

Zugegebenermaßen ist ein Kino nicht der ideale Ort für forensische Analysen oder etwas so Komplexes wie einen sich in großer Geschwindigkeit abspielenden Dreifrontenkrieg, der Israel und den Nahen Osten verändert hat. Ein Film ist keine Doktorarbeit. Das Problem ist, dass „Censored Voices“ für viele Zuschauer wahrscheinlich die einzige Begegnung mit dem Krieg von 1967 ist, die sie je haben werden. Wie viele von ihnen sind überhaupt in der Lage, das, was sie gesehen haben, in den Zusammenhang einzuordnen? Und was dies betrifft: Wie viele Rezensenten sind dazu in der Lage? Angesichts des verbreiteten Unwissens über Israels Geschichte – selbst unter Israelis –, ist die Zahl beunruhigend gering.

Dies kommt Israels Kritikern zu Hause und im Ausland natürlich perfekt zupass. Nach fast 50 Jahren „Besatzung“ sind sie so verbittert, dass sie automatisch das Schlimmste über Israels Verhalten 1967 weiterverkaufen, ohne so etwas wie einen Warnhinweis. Wenn die Besatzung eine anhaltende Sünde ist, dann muss sie in einem ursprünglichen Sündenfall gezeugt worden sein. Der Film „Censored Voices“ profitiert nicht nur davon, dass das kritische Urteil außer Kraft gesetzt ist; er hängt davon ab.

 

VI. Wohin, öffentliche Verantwortung?

Loushys „Naivität übersteigt die eines Blumenkindes der 1960er“, schrieb ein israelischer Kolumnist als Reaktion auf den Film.

Weit entfernt davon. Jeder Israeli, der hofft, Ruhm zu ernten, indem er Dokumentarfilme macht, weiß, dass es eine unablässige Nachfrage nach Filmen gibt, die Israels Missetaten aufdecken, vor allem dann, wenn Israelis selbst dafür mit ihrem Wort einstehen. Und nichts ist so gut zu vermarkten wie eine Story, die Verbrechen aufdeckt, die der Staat selbst vertuscht hat. Die Formel ist unwiderstehlich für Direktoren von Filmfestivals, hochintellektuelle europäische Fernsehsender und die New York Times. Loushy, eine Absolventin von Israels bekanntester Filmhochschule, hat ihren Film mit manipulativer Präzision ausgerichtet. Ihr cleveres Verständnis des Marktes erklärt ihre zielstrebige Auswahl des Inhalts und, wichtiger noch, ihre ständige Verkündigung des Topos einer „brutalen“ Zensur, der offenbar glaubwürdiger gemacht wird, indem man ihn auf eine Zahl bringt.

Tatsächlich raubt, wie ich gezeigt habe, die Behauptung dem Film Glaubwürdigkeit. Die Stimmen in „Censored Voices“ wurden nicht zensiert, sie wurden stark redigiert, und zwar von demselben Mann, Avraham Shapira, den Mor Loushy bei der Premiere in Tel Aviv auf der Bühne so herzlich umarmt hat. „Wenn jene Stimmen 1967 veröffentlicht worden wären“, sagte Loushy der New York Times, „wäre unsere Wirklichkeit heute vielleicht anders.“ Das ist eine offene Frage. Doch sie hat ihre Beschwerde absichtlich an die falsche Partei gerichtet.

Muki Tzur

Hinter dieser Täuschung lauert die wirklich interessante Nebengeschichte von „Soldiers’ Talk“. Muki Tzur, ein anderer der Herausgeber des Buches, erinnert sich, dass 1967, „das Land immer noch die Erscheinung einer Untergrundgesellschaft hatte, die ihre Geheimnisse wahrte und an den Wert der Selbstzensur glaubte“. Es war einmal eine Zeit, als Israels intellektuelle Eliten noch genug öffentliche Verantwortung empfanden, um sich zu zügeln. Heute sind ihre Nachfolger geschäftige Wichtel, die in Heimarbeit Material für die Kritiker ihres Landes auf der ganzen Welt produzieren – mit dem Säen von Zweifeln, durch Verleumdung und Delegitimation. Nicht nur, dass sie unbelegte Behauptungen ausstrahlen und allen Kontext abstreifen; sie gehen noch weiter und speien erfundene Anschuldigungen des „zum Schweigen Bringens“ und der „Zensur“ in Welt – um den Eindruck zu erwecken, der Staat Israel betreibe eine großangelegte Vertuschung von Verbrechen.

„Censored Voices“ kreiert allein durch seinen Titel solche Behauptungen vom Start weg. Seine theatralische Präsentation in den Vereinigten Staat wird dafür sorgen, dass der Film für eine Oscar-Nominierung in der Kategorie Dokumentarfilm in Betracht gezogen werden wird.

Zuschauer, seid auf der Hut. Academy, sieh Dich vor.

Martin Kramer lehrt am Shalem College in Jerusalem Geschichte des Nahen Ostens und ist Koret visiting fellow am Washington Institute for Near East Policy, wo seine Publikation „Ivory Towers on Sand: The Failure of Middle Eastern Studies in America erschien. Sein neuestes Buch ist „The War on Error. Israel, Islamd an the Middle East“ (2016). Artikel auf Englisch zuerst erschienen bei Mosiac Magazine.

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