Die Zerstörung von Mekka

„Als Gouverneur von Mekka hat Prinz Khalid bin Faisal Al Saud frühere Misserfolge wieder wettmachen können. Er wurde 2007 aus der Provinz Asir nach Mekka versetzt. In Asir blieben seine Pläne, in der Stadt Abha moderne Hochhäuser zu errichten, weitgehend unausgeführt. Zwar gelang es ihm, die malerische Altstadt in Abha mit ihren Bienenkorbhäusern aus Flechtwerk dem Erdboden gleich zu machen. Doch neu errichtet wurden dort dann bloß niedrige Bungalows aus Porenbeton. Kein einziges Hochhaus war zu sehen. Nun hat der Prinz dort, wo einst die Altstadt von Mekka mit ihren vergitterten Balkonen und Säulengängen war, das größte Entwicklungsprojekt des Nahen Ostens verwirklicht. Wolkenkratzer überragen die heiligsten Stätten des Islam und lassen die granitene Kaaba winzig erscheinen. Bagger ebnen jene Hügel ein, über die einst die Heime der Frauen und Begleiter des Propheten und der ersten Kalifen verstreut waren. Autobahnen führen aus verschiedenen Richtungen zu dem gewaltigen neuen Schrein. Örtliche Großunternehmer sind genauso emsig am Bauen wie die Regierung. Jabal Omar Development, ein Konsortium alteingesessener Familien aus Mekka, investierte Hunderte von Million Dollar, um am Ort des Hauses des dritten Kalifen zwei fünfziggeschossige Türme zu errichten. So stark ist die Dynamik, dass eine Zeit lang die Planierraupe das Logo der heiligen Stadt war.

Örtliche Beamte weisen darauf hin, dass dieser Abriss der unvermeidliche Preis für Wachstum ist. Bevor alles begann, umrundeten 1950 noch 50.000 Wallfahrende die Kaaba, das Herzstück des Haj-Rituals. Letztes Jahr waren es 7,5 Millionen. Die Behörden beabsichtigen, diese gewaltige Zahl innerhalb von drei Jahren nochmals zu verdoppeln. ‚Es gibt keine andere Lösung,’ erklärt Anas Serafi, ein Architekt, der dem Vorstand von Jamar Omar Development angehört. ‚Wie sollen wir sonst Millionen Wallfahrende aufnehmen?’ (…) Der zunehmende Verkehr kommt sowohl dem Prestige wie auch dem Geldbeutel von König Salman bin Abdel Aziz als Wächter von Mekka zugute. Den Transformationsplänen der Regierung zufolge wird das durch die Wallfahrt zu erzielende Einkommen mit den Einkünften aus dem Ölgeschäft konkurrieren.“ (Bericht im Economist: „Making way for pilgrims. The destruction of Mecca“)

 

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