Mehr als 95 Prozent von Raqqa sind zerstört

By Mahmoud Bali, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=61719487

„Die von den USA unterstützte Kampagne gegen den Islamischen Staat erzielte in dieser Woche einen bedeutsamen Sieg, als die Streitkräfte der Koalition die wichtige nordsyrische Stadt Raqqa zurückeroberten. Das Ende des furchtbaren Kampfes um den oft als Hauptstadt des Islamischen Staats bezeichneten Ort gibt den Blick frei auf die Zerstörung der Stadt. Einer preisgekrönten Gruppe von Bürgerjournalisten mit dem Namen Raqqa Is Being Slaughtered Silently (RBSS) [Raqqa wird im Stillen abgeschlachtet] zufolge, die die Verbrechen des Islamischen Staats seit seiner Übernahme der Stadt im Januar 2014 dokumentiert hat, sind mehr als 95 Prozent der einst florierenden Stadt zerstört worden. ‚Ganze Familien wurden unter den Trümmern begraben und wir suchen noch immer nach Menschen, die einfach verschwunden sind’, berichtete mir der Sprecher der Gruppe Abdel Aziz al-Hamza diese Woche. Die Zivilisten, die sowohl das brutale Regime des Islamischen Staats als auch die Angriffswellen der Koalitionsstreitkräfte überlebten und aus Raqqa fliehen konnten, sitzen unterdessen unter furchtbaren Bedingungen in Flüchtlingslagern im Umland fest. Abdel Aziz zufolge halten sich in dem knapp 50 Kilometer nördlich von Raqqa gelegenen Lager Ain Aissa gut 100.000 Menschen auf, weit mehr als sich noch in der Stadt befinden. Seit dem Beginn der Rückeroberung im Juni sind insgesamt rund 450.000 Zivilisten aus Raqqa geflüchtet, so der ebenfalls zu RBSS gehörende Hamoud al Mousa.

Angesicht der absehbaren Niederlage entschloss der Islamische Staat sich offenbar dazu, so viele Flüchtende wie möglich zu töten, und verminte praktisch alle Ausgänge der Stadt. (…) Während die Brutalität des Islamischen Staats gegen die Bevölkerung ausführlich dokumentiert worden ist, frustriert es einige gegenwärtige und ehemalige Bewohner, dass die Kampagne zur Rückeroberung Raqqas wie eine Art Himmelsfügung wahrgenommen werde. Sie fürchten, dass das Vermächtnis der Stadt als eines der frühen Zentren des Widerstands gegen Assad verloren gehen könnte. (…) Es wird befürchtet, dass auswärtige Aufständische den Wiederaufbau übernehmen und die Stadt ihren Vorstellungen entsprechend und damit womöglich auf eine Art umgestalten könnten, die die vertriebenen Bewohner nicht wiedererkennen würden. (…) Einige ehemalige Bewohner Raqqas brachten die Befürchtung zum Ausdruck, dass die Demokratischen Kräfte Syriens (SDF), die vor Ort an erster Stelle an der Rückeroberung der Stadt beteiligt waren, ihre eigene, wenn auch ungleich mildere, Besatzung der Stadt etablieren könnten. Sie verwiesen darauf, dass der kurdischen YPG-Miliz, die das Rückgrat der SDF bildet, in der Vergangenheit Menschenrechtsverletzungen angelastet worden seien. ‚Wenn radikale Gruppen die sogenannte Befreiung in der Hand haben, wird es keinen dauerhaften Frieden geben’, so ein Zivilist, der 2014 aus Raqqa floh und jetzt in der Türkei lebt. ‚So werden weder der Irak noch Syrien das Sektierertum und den in den vergangenen vier Jahren vom Islamischen Staat verursachten Vertrauensverlust überwinden können. Daher weigere ich mich, von Befreiung zu sprechen.’“ (Loubna Mrie: „We Talked to Syrians About the ‚Liberation‘ of ISIS Stronghold Raqqa“)

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