Lange vor Schönau

Sehr geehrter Herr Rauscher,

in Ihren Artikel „Wie Bruno Kreisky die PLO salonfähig machte“ im heutigen Standard haben sich leider einige Fehler eingeschlichen. Sie schreiben, Österreich habe „die erste Bekanntschaft mit dem PLO-Terrorismus“ bei der Geiselnahme in Marchegg im September 1973 gemacht. Das ist gleich in mehrfacher Hinsicht nicht zutreffend.

Beginnend mit einem Bombenanschlag auf einen Flug der Austrian Airlines im Februar 1970 machte Österreich schon lange vor der so genannten Schönau-Affäre „Bekanntschaft“ mit palästinensischem Terrorismus und hatte in diesem Zusammenhang im August 1973 auch bereits ein Todesopfer zu beklagen (sehen Sie zu diesen früheren Fällen die untenstehende Auflistung). Ebenso falsch ist es, dass Kreisky im Zuge der Geiselnahme von Marchegg „den Forderungen der Terroristen nachgegeben (hat), das Durchgangslager Schönau … zu schließen.“ Tatsächlich hatten die Terroristen Schönau mit keinem Wort erwähnt, bevor Kreisky ihnen im Zuge der Verhandlungen dessen Schließung als Gegenleistung für die Freilassung der Geiseln anbot.

Mit freundlichen Grüßen,
Mag. Florian Markl
Medienbeobachtungsstelle Naher Osten (MENA)

 

Liste von Vorfällen mit Österreich-Bezug vor der Geiselnahme von Marchegg:

– Am 21. Februar 1970 explodierte kurz nach dem Start in Frankfurt eine Bombe an Bord eines Flugzeuges der Austrian Airlines und riss ein Loch in den Laderaum. Die Piloten konnten umdrehen und in Frankfurt notlanden. Die 33 Passagiere und fünf Crewmitglieder blieben unverletzt. Weniger Glück hatte am gleichen Tag ein Swissair-Flugzeug, in dem ebenfalls eine Bombe explodierte. Bei dem folgenden Absturz der Maschine kamen alle 38 Fluggäste sowie die neun Besatzungsmitglieder ums Leben. Für beide Anschläge war die „Popular Front for the Liberation of Palestine – General Command“ verantwortlich.

– Im Dezember 1972 gaben palästinensische Terroristen in mehreren Postämtern in Wien mindestens dreizehn Briefbomben auf, die an Empfänger in Israel adressiert waren.

– Am 8. Mai 1972 entführte ein Kommando der palästinensischen Terrororganisation „Schwarzer September“ ein Flugzeug der belgischen Airline SABENA, das sich nach einer Zwischenlandung in Wien auf dem Weg nach Tel Aviv befand. An Bord befanden sich auch mehrere Österreicher. Bei der Stürmung der Maschine durch eine israelische Spezialeinheit kamen zwei der vier Terroristen sowie eine Geisel ums Leben.

– Am 4. August verübten Mitglieder des „Schwarzen September“ einen Sprengstoffanschlag auf ein außerhalb von Triest liegendes Rohöllager der „Transalpinen Ölleitung“, die unter anderem auch die Raffinerie in Schwechat mit Öl versorgte.

– Im September 1972 gingen bei der israelischen Botschaft in Wien fünf Briefbomben ein, die rechtzeitig erkannt und entschärft wurden. Verantwortlich war abermals der „Schwarze September“. Nach Drohungen gegen Einrichtungen der Ölindustrie wurden mehrere Orte in Österreich (so die Schaltzentrale der Adria-Wien-Pipeline in Kärnten sowie Treibstoffdepots in Klagenfurt und Wien) unter strenge Polizeibewachung gestellt.

– Am 20. Jänner 1973 nahmen Beamte der Staatspolizei in einem Hotel nahe des Wiener Westbahnhofs drei Terroristen des „Schwarzen September“ fest, die einen Anschlag auf das Schloss Schönau vorbereiteten; wenige Tage danach wurde eine zweite Gruppe palästinensischer Terroristen nach der Ausreise nach Italien festgenommen, die ebenfalls an der Planung dieser Aktion beteiligt waren. Nach einem sehr rasch durchgeführten Prozess in Wien wurden alle Verhafteten des Landes verwiesen.

– Am 5. August 1973 hatte Österreich in Folge des palästinensischen Terrorismus ein erstes Todesopfer zu beklagen: Bei einem Anschlag des „Schwarzen September“ auf den Flughafen von Athen kamen drei Menschen ums Leben (darunter eben ein Österreicher), über vierzig wurden verletzt.

 


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