Kalter Krieg am Golf

Von Thomas von der Osten-Sacken

Der Konflikt zwischen den Monarchien der arabischen Halbinsel eskaliert. Der Iran freut sich darüber.

Anfang Juni erklärten Saudi-Arabien, Bahrain, die Vereinigten Arabischen Emirate und Ägypten dem Emirat Katar den kalten Krieg. Spätestens jetzt müsste jedem klar geworden sein, dass es keineswegs eine einheitliche Front sunnitischer Staaten gegen den Iran gibt. Katar hat nicht nur die Nähe zum Iran gesucht, sondern, gemeinsam mit der Türkei, aktiv die Muslimbruderschaft unterstützt.

Während nämlich das saudische Königshaus den sogenannten arabischen Frühling vom ersten Tag an mit allen Mitteln bekämpfte, versuchten Katar und die Türkei, damals durchaus auch mit Unterstützung aus Europa, ihn zu islamisieren, indem sie gezielt die Muslimbrüder förderten und stärkten. Katar ist, wie sein großer westlicher Nachbar Saudi-Arabien, eine absolute wahhabitische Monarchie, die sich auf strikte islamische Regeln stützt. Anders als das saudische Königshaus braucht die katarische Monarchie die ­eigene Bevölkerung – gerade einmal 300.000 Bürger – nicht zu fürchten und die Herrscherfamilie der al-Thanis wollte immer schon in der ersten Reihe in der Weltpolitik mitmischen. Deshalb ließ sie etwa al-Jazeera groß werden, gewährte dem geistlichen Führer der Muslimbrüder, Yusuf al-Qaradawi, ebenso wie den Taliban Unterschlupf und schlug gegenüber dem Iran, mit dem das Land die Gasfelder teilt, auf denen der katarische Reichtum fußt, konziliante Töne an.

Während Saudi-Arabien lieber das ägyptische Militär mit seiner panarabischen Tradition unterstützt und beste Beziehungen zu Präsident Abd al-Fattah al-Sisi unterhält, der die Muslimbrüder kleinhält, hatte Katar gehofft, über die Muslimbrüder in der Region an Einfluss zu gewinnen. Diese Differenzen sind keineswegs neu, nun allerdings ließ Saudi-Arabien sie eskalieren. Die kürzlich ergriffenen Maßnahmen sind präzedenzlos: Grenzen wurden geschlossen, Überflugsrechte verweigert, katarische Bürger müssen die angrenzen Länder verlassen, alle diplomatischen Beziehungen wurden eingestellt. Auch die Forderungen an Katar sind de facto unerfüllbar, will das Herrscherhaus al-Thani sein Gesicht nicht verlieren: Katar soll unter anderem seine Beziehungen zum Iran einfrieren, Dutzende Muslimbrüder ausliefern, al-Jazeera schließen.

Schon machen sich Engpässe in der Versorgung in der katarischen Hauptstadt Doha bemerkbar, allerdings springen die Türkei und der Iran nur zu gerne ein. So prügelte Recep Tayyip Erdoğan ein Gesetz durch das türkische Parlament, das die Stationierung türkischer Soldaten in dem Emirat erlaubt. Der Iran begann, per Luftbrücke Lebensmittel zu liefern.
Überhaupt jubelt der Iran über den Konflikt zwischen den sunnitischen Ländern, der in einer Zeit eskaliert, in der schiitische ­Milizen gerade an der irakisch-syrischen Grenze einen Korridor schaffen wollen, der es dem Iran erstmals ermöglichen soll, über Land Truppen, Waffen und andere Güter bis an das Mittelmeer zu transportieren.

Fraglos flossen aus Katar Millionen an Islamisten. Den Saudis wiederum kann man abnehmen, dass sie nicht mehr, wie in der Vergangenheit noch, großzügig islamistische Organisationen fördern, die sie inzwischen selbst als terroristisch bezeichnen. Sie wollen nämlich dieser Tage mit allen Mitteln der Expansion des Iran Einhalt gebieten und die Art Ruhe im Nahen Osten herstellen, die ihren Herrschaftsanspruch nicht gefährdet. In Riad träumt man von der Rückkehr zum Status quo vor dem Jahr 2011 und hofft, der neue US-amerikanische Präsident könne und werde helfen, dieses Ziel zu erreichen.

Sicher wäre es erfreulich, wenn Katar die Finanzierung von Hamas und anderen Muslimbrüdern einstellte, im Kern aber geht es in dieser Auseinandersetzung vor allem um die Frage, welche der konkurrierenden islamistischen Doktrinen die sunnitische Welt künftig dominieren soll. Denn eine andere Perspektive hat auch Saudi-Arabien nicht zu bieten.

Artiekl zuerst erschienen in Jungle World.

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