Israelfeindschaft und Antisemitismus bei Hamas, Al-Qaida und dem Islamischen Staat – Teil 6

Von Michael Wyss

Diese Artikelreihe beruht auf einem überarbeiteten Referat, welches der Autor im Oktober 2016 an Veranstaltungen an der Universität Innsbruck sowie des Jungen Forums DIG Frankfurt an der Goethe Universität in Frankfurt a. M. präsentierte. Der letzte Teil vergleicht Hamas, Al-Qaida und Islamischer Staat. Der erste Teil erschien am 27. Dezember 2016, der zweite Teil am 2. Januar 2017, der dritte Teil am 12. Januar 2017, der vierte Teil am 30. Januar 2017 und der fünfte Teil am 01. März 2017.

Wie diese Artikelreihe aufgezeigt hat, spielen Antisemitismus und Israelfeindschaft sowohl bei Hamas als auch bei Al-Qaida und dem Islamischen Staat (IS) eine bedeutende Rolle. Alle drei Organisationen propagieren den bewaffneten Kampf gegen Israel und machen dabei Gebrauch von antisemitischen Stereotypen. Der vielleicht größte Unterschied zwischen Hamas auf der einen und Al-Qaida und IS auf der anderen Seite liegt im Verhältnis zwischen Rhetorik und konkreten anti-israelischen Aktivitäten. Während das gesamte Wirken der Hamas auf die „Befreiung Palästinas“ bzw. die Zerstörung Israels fokussiert ist und die Terrororganisation zur Erreichung dieses Ziels auf alle ihr verfügbaren Mittel zurückgreift, setzen Al-Qaida und IS hauptsächlich auf anti-israelische und antisemitische Propaganda. Im Vergleich zur Hamas fällt die Rhetorik der beiden salafi-jihadistischen Organisationen zwar noch extremer aus, beschränkt sich aber mit wenigen Ausnahmen aber auch darauf.

Zusätzlich gibt es auch zwischen Al-Qaida und dem IS Unterschiede. Während Al-Qaida das Judentum stets als einen bzw. den Hauptfeind betrachtete, spielt es in der Propaganda des IS eine geringere Rolle als etwa Christen oder Schiiten.

Angriffe von Al-Qaida und dem Islamischen Staat gegen israelische Ziele sind eine Seltenheit, gerade im Vergleich mit der Hamas. Allerdings haben beide Gruppierungen wiederholt jüdische Ziele und Menschen außerhalb von Israel angegriffen und zu Angriffen gegen solche aufgerufen. Die Hamas wiederum hat bislang nie einen Anschlag außerhalb Israels bzw. den Autonomiegebieten verübt, was sie nicht nur von Al-Qaida und Islamischem Staat unterscheidet, sondern auch von anderen palästinensischen Organisationen wie etwa der Fatah oder der Volksfront zur Befreiung Palästinas (PFLP).

 

 

Bedrohungslage

Nachdem die Hamas im Gaza-Krieg von 2014 empfindliche Verluste erlitten hatte, vergeudete sie keine Zeit, um sich auf den nächsten Konflikt mit Israel vorzubereiten. Ihr Tunnelnetzwerk wird stetig ausgebaut und sie verfügt über ein Arsenal an Raketen, teilweise mit GPS-Unterstützung für eine bessere Zielgenauigkeit. Zudem verfügt sie über Drohnen und die Fähigkeit, Israel via Meer zu infiltrieren, wie sich im Sommer 2014 herausstellte. Die Hamas stellt folglich weiterhin eine strategische Bedrohung (wenn auch keine existenzielle) für Israel dar, allerdings auf einem viel tieferen Niveau als etwa der Iran. Im Zug des „Arabischen Frühlings“ hatte sich ihr Verhältnis mit letzterem massiv verschlechtert (die Hamas weigerte sich, das Assad-Regime zu unterstützen), doch spätestens seit dem vergangenen Sommer scheinen beide Seiten wieder enger miteinander zu kooperieren. Hamas-Angriffe außerhalb Israels und der Autonomiegebiete bleiben weiterhin unwahrscheinlich, insbesondere deshalb, weil die Hamas um internationale Legitimität bemüht ist.

  HAMAS Al-Qaida Islamischer Staat
Israelfeindschaft «Raison d’être» Zentrales Element in Rhetorik Israel als einer unter vielen Feinden
Akzeptanz von Israel Nein, aber bereit zu Waffenruhen Nein Nein
Methoden Bewaffneter Kampf, Da’wa, Politik  Propaganda, Anschläge gegen jüdische Ziele Propaganda, Anschläge von Anhängern gegen jüdische Ziele
Angriffe ausserhalb Israels Nein Ja Ja
Ziel «Befreiung Palästinas», Einführung Scharia Globales Kalifat Globales Kalifat
Antisemitismus Ja, aber Andeutung, dass Juden als Dhimmis (Schutzbefohlene) in Palästinenserstaat leben könnten Ja, Juden als ein/der Hauptfeind Ja, aber Juden nehmen keine exponierte Stellung unter den Feinden des IS ein

Umgekehrt sieht die Lage bei Al-Qaida und dem Islamischen Staat aus. Zwar besteht die Möglichkeit sporadischer Raketenangriffe durch salafi-jihadistische Gruppierungen in Gaza, ein bewaffneter Konflikt mit dem Islamischen Staat oder Jabhat Fatah al-Sham, dem Al-Qaida-Ableger in Syrien, scheint aber mittelfristig eher unwahrscheinlich. Eine Ausnahme besteht im Fall der IS Provinz Sinai, welche in naher Zukunft einen Angriff gegen Israel durchführen könnte, möglicherweise in Koordination mit der Hamas.

Nicht auszuschließen sind zudem Anschläge von IS-Sympathisanten innerhalb Israels, wie der Anschlag gegen den Sarona-Markt vom vergangenen Sommer und die Rammattacke in Jerusalem im Januar 2017 gezeigt haben. Eine noch höhere Gefährdung geht von IS-Anhängern in Europa aus, die bereits in der Vergangenheit wiederholt jüdische Ziele angriffen, etwa in Brüssel oder in Paris. Wie sich gezeigt hat, sind solche Anschläge schwer zu verhindern, insbesondere dann, wenn sich Täter bislang unauffällig verhalten und über keine Verbindungen zu bekannten IS-Mitgliedern verfügen.

Artikel zuerst erschienen bei Audiatur Online.

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