Israelfeindschaft und Antisemitismus bei Hamas, Al-Qaida und dem Islamischen Staat – Teil 5

von Michael Wyss

Diese Artikelreihe beruht auf einem überarbeiteten Referat, welches der Autor im Oktober 2016 auf Veranstaltungen an der Universität Innsbruck sowie des Jungen Forums DIG Frankfurt an der Goethe Universität in Frankfurt a. M. präsentierte. Der fünfte Teil untersucht Antisemitismus und Israelfeindschaft beim Islamischen Staat. Der erste Teil erschien am 27. Dezember 2016, der zweite Teil am 2. Januar 2017, der dritte Teil am 12. Januar 2017, der vierte Teil am 30. Januar 2017.

Spätestens seit seiner Offensive im Irak im Juni 2014 ist der Islamische Staat (IS) zu der wohl berüchtigtsten Terrororganisation der Welt avanciert und hat Al-Qaida damit zumindest einstweilen den Rang abgelaufen. Nebst ihrem Kerngebiet in Irak und Syrien verfügt die Organisation über zahlreiche Ableger (sogenannte Wilayat, Arabisch für Provinzen) und Sympathisanten in aller Welt.

Entstehung

Der Vorläufer des IS war eine Terrororganisation namens Jama’at Al-Tawhid w’al Jihad (Organisation des Monotheismus und Jihad), die von Abu Musab al-Zarqawi im Jahr 2002 gegründet wurde. Bereits zuvor hatte sich Zarqawi, der eine Gefängnisstrafe in Jordanien absaß, nachdem er das Königreich und dessen Friedensvertrag mit Israel massiv kritisiert hatte, mit seinen radikalen Traktaten einen Namen gemacht. Nach seiner Entlassung im Jahr 1999 eröffnete er – mit finanzieller Unterstützung Bin Ladens – ein Trainingscamp in Herat, Afghanistan, in dem zu Beginn der US-Militäroperationen im Oktober 2001 zwischen 2000-3000 Kämpfer trainierten.

Im Vorfeld der US-Invasion im Irak, begann Zarqawi in Koordination mit Al-Qaida, ein ausgeklügeltes Netzwerk bestehend aus geheimen Unterschlüpfen, Waffenlagern und Informanten zu etablieren. Nach Beginn der Invasion führte seine Organisation zahlreiche Anschläge durch, etwa gegen das UN-Hauptquartier in Bagdad und den schiitischen Imam Ali Schrein in Najaf. Im Oktober 2004 schwor Zarqawi Bin Laden seine Treue und benannte seine Gruppe in Al-Qaida im Irak (AQI) um. Allerdings war das Verhältnis zwischen den beiden Terroranführern stets kompliziert. Bin Laden beunruhigte Zarqawis unbändiger Hass auf Schiiten und die Tatsache, dass bei seinen Anschlägen viele muslimische Zivilisten zu Schaden kamen. In einem von US-Geheimdiensten abgefangenen Schreiben aus dem Jahr 2005 kritisierte Bin Ladens Stellvertreter Al-Zawihiri Zarqawi für seine brutale Vorgehensweise. Zarqawi allerdings zeigte sich davon wenig beeindruckt und verfolgte weitere seine brutalen Taktiken. Nach seinem Tod durch einen US-Angriff im Juni 2006 benannte sich AQI erneut um. Die Organisation hieß von nun an Islamischer Staat des Irak (ISI), ihre brutalen Taktiken behielt sie allerdings bei. Dies führte zunehmend zu Widerstand unter den sunnitischen Stämmen Iraks, die zuletzt mit dem US-Militär und irakischen Sicherheitskräften kooperierten und die Terrororganisation dadurch entscheidend schwächten.

Nachdem nach 2006 mehrere Anführer der Organisation getötet worden waren, übernahm im Jahr 2010 Abu Bakr Al-Baghdadi die Führung. Der Islamische Staat des Irak nutzte den vollständigen Abzug der Militärkoalition im Jahr 2011, um sich neu zu organisieren. Unterstützt von Spannungen zwischen der schiitischen Regierung unter Nouri Al-Maliki und den irakischen Sunniten fand der ISI bald zu alter Stärke zurück und fokussierte auf die Befreiung von Gefangenen, bevor er später irakische Sicherheitskräfte durch gezielte Attentate ins Visier nahm. Zugleich expandierte Al-Baghdadi ins benachbarte Syrien, wo in der Zwischenzeit der Bürgerkrieg tobte. Im April 2013 verkündete Baghdadi die Umbenennung der Gruppe in Islamischer Staat in Irak und al-Sham (ISIS). Dies wurde aber sowohl von Jabhat Al-Nusra, dem Al-Qaida Ableger in Syrien, und Kern-Al-Qaida  abgelehnt und führte zu einem erbitterten Streit, der schließlich zum Ausschluss von ISIS aus dem Al-Qaida-Netzwerk führte.

Kurz nach seiner Offensive im Juni 2014 verkündete Al-Baghdadi die Wiedergründung des Kalifats und benannte die Organisation erneut um, diesmal in Islamischer Staat (IS). Seit 2014 hat der IS zahlreiche Ableger in verschiedenen Ländern gewonnen, darunter viele ehemalige Verbündete von Al-Qaida. Während er in seinem Kerngebiet militärisch immer stärker unter Druck gerät, hat er weltweit eine Terrorwelle entfesselt. Gemäß des European Counter-Terrorism Center muss davon ausgegangen werden, dass der IS versuchen wird, seine Terrorangriffe in Europa weiter zu expandieren.

 

Israelfeindschaft beim Islamischen Staat

Wie schon bei Bin Laden spielte Israel auch in der Rhetorik Al-Zarqawis eine wichtige Rolle. Er verkündete, der Islamische Staat in Irak sei das Tor zur Befreiung Palästinas. Und in der zweiten Ausgabe von Dabiq, einem englischsprachigen Online-Magazin des IS, war zu lesen, dass der Islamische Staat Palästina schon bald erreichen werde. Allerdings beschränken sich die anti-israelischen Aktivitäten des IS hauptsächlich auf Rhetorik.

Im Vergleich zu Al-Qaida nimmt Israel beim IS aber sogar noch eine geringere Priorität ein. So wurde etwa der jüdische Staat in einer Audiobotschaft von November 2014, die unter anderem eine Auflistung der Feinde des IS beinhaltete, nicht einmal erwähnt. Stattdessen standen an erster Stelle die Schiiten, gefolgt von den ungläubigen arabischen Regimes und zuletzt den „Kreuzfahrern“, das heißt dem Westen. Erst im Dezember 2015 drohte Baghdadi in einer Audiobotschaft, er habe die Juden nicht vergessen und Palästina werde ihr Friedhof sein. Zwei Monate früher hatte die Organisation erstmals ein Video auf Hebräisch veröffentlicht, in dem ein IS-Kämpfer ankündigt, der IS würde die Al-Aqsa Moschee als Eroberer betreten.

 

In einem Artikel im arabischsprachigen Al-Naba Magazin wurde im März 2016 aber erneut klargestellt, dass der Jihad in Palästina keine wichtigere Rolle einnehmen würde als der Jihad anderenorts. Diese geringe Priorität spiegelt sich in der von der Abwesenheit von IS-Angriffen gegen Israel wieder. Eine Ausnahme stellt ein Gefecht an der Grenze zu Syrien im vergangenen November dar, in dessen Verlauf IDF-Soldaten vier Kämpfer der Khalid Ibn Al-Walid-Armee, einer der IS-nahestehenden Organisation töteten.  Gemäß eines Kämpfers der Gruppe war der Angriff nicht mit der IS-Führung abgesprochen gewesen, die aus Angst vor israelischen Vergeltungsschlägen wütend darauf reagierte.

Abgesehen davon ist davon auszugehen, dass einige IS-Anhänger in Gaza seit dem Sommer 2014 in sporadische Raketenangriffe gegen Israel involviert waren. Auch diese dürften aber ohne Absprache mit der IS-Führung erfolgt sein. Eine höhere Gefahr geht vom IS-Ableger auf der Sinai-Halbinsel aus. Die IS Provinz Sinai, die bis 2015 unter dem Namen Ansar Bait Al-Maqdes mit Al-Qaida verbündet gewesen war, verfügt mittlerweile über schwere Waffen wie einen erbeuteten ägyptischen Panzer und russische Panzerabwehrwaffen. Israelische Sicherheitskräfte gehen seit September 2016 davon aus, dass die Organisation in den nächsten Monaten einen Angriff gegen Israel durchführen wird.

Laut israelischen Sicherheitskräften handelte es sich auch beim Täter des Anschlags auf IDF-Soldaten in Jerusalem vom Januar 2017 um einen IS-Anhänger. Allerdings hat der Islamische Staat bislang nicht die Verantwortung dafür übernommen.

 

Antisemitismus beim Islamischen Staat

Wie bei der Hamas und Al-Qaida sind die offiziellen Verlautbarungen des IS geprägt von antisemitischer Rhetorik. Dessen mittlerweile getöteter Sprecher Abu Muhammad al-Adnani bezeichnete in einer Audiobotschaft von September 2014 Präsident Obama als ein „Maultier der Juden“ und behauptete, die Juden hätten gemeinsam mit den Kreuzfahrern hunderttausende Muslime getötet. Zudem zitierte er eine Stelle im Koran, gemäß derer die Juden versuchen würden, die Muslime von ihrem Glauben abzubringen.

Auch das bereits oben erwähnte IS-Video in hebräischer Sprache ist geprägt von Antisemitismus. So wird etwa angekündigt, dass der Islamische Staat die ganze Welt von der „Krankheit“ der Juden reinigen werde. Wenig verwunderlich finden sich auch in IS-Publikation wie Dabiq antisemitische „Klassiker“ wie die Gharqad-Hadith und zahlreiche Verschwörungstheorien, wonach Juden beispielsweise die US-Regierung kontrollieren würden. Allerdings nehmen die Juden im Vergleich mit der IS-Propaganda gegen Schiiten, Apostaten und Christen eine eher untergeordnete Rolle ein.

Dies hat IS-Anhänger in Europa allerdings nicht davon abgehalten, gezielte Terrorakte gegen jüdische Ziele zu begehen, etwa gegen das jüdische Museum in Brüssel in 2014, den Hyper Cacher-Supermarkt in Paris im Januar 2015, sowie gegen eine Synagoge in Kopenhagen im Februar 2015. Zudem habe laut anonymen Quellen mindestens einer der Attentäter des Anschlags in Brüssel vom vergangenen März am Brüsseler Flughafen gezielt orthodoxe Juden ins Visier genommen.

 

Der Islamische Staat und die Hamas

Das Verhältnis zwischen dem IS und der Hamas ist ähnlich kompliziert wie zwischen letzterer und Al-Qaida. Der IS kritisierte die Hamas wiederholt für ihren Nationalismus und ihre unzureichende Umsetzung der Scharia in Gaza. Verglichen mit Al-Qaida fällt seine Kritik aber noch schärfer aus und in verschiedenen Publikationen wurden Hamas und Muslimbruderschaft als „Apostaten“ und „Verräter gegenüber dem Islam“ bezeichnet. Während des Gaza-Krieges von 2014 verbrannten ISIS-Kämpfer in Syrien Palästinenserflaggen, ein klarer Affront gegenüber der Hamas.

Im Gegenzug verurteilte die Hamas den Anschlag auf Charlie Hebdo im Januar 2015 (die Opfer des Hyper Cacher Anschlags wurden nicht erwähnt) sowie den Terrorakt in Paris im November 2015. Der der Hamas nahestehende Muslimbruderschaft-Geistliche Scheich Yussuf Al-Qaradawi erklärte, dass das IS-Kalifat illegitim sei. Zudem geht die Hamas entschlossen gegen IS-Anhänger vor. So zerstörte sie im Mai 2015 eine Salafistenmoschee in Gaza und verhaftete wiederholt IS-Sympathisanten. IS-Anhänger in Gaza erklärten gar, die Hamas sei schlimmer als Israel.

Während die Hamas aber einerseits IS-Anhänger in Gaza unterdrückt, arbeitet sie eng mit der IS-Provinz Sinai zusammen. IS-Sinai-Kämpfer erhielten etwa medizinische Versorgung in Gaza sowie militärisches Training durch die Qassam-Brigaden. Diese Kooperation lässt sich unter anderem durch familiäre Banden erklären, da zahlreiche IS-Sinai-Kämpfer und Mitglieder der Qassam-Brigaden denselben Beduinenstämmen angehören. Nachdem die Hamas zuletzt wieder verstärkt gegen IS-Elemente in Gaza vorgegangen ist, scheint sie neuerdings ihre Zusammenarbeit mit IS Sinai einmal mehr zu verstärken. Laut der Times of Israel erlaubte sie der Sinai Provinz sogar die Eröffnung eines Propaganda-Büros in Gaza. Zudem beliefert sie die Provinz Sinai mit Waffen und besteuert IS-Schmuggeltunnels zwischen Gaza und Ägypten.

Artikel zuerst erschienen bei Audiatur Online.

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