Israelfeindschaft und Antisemitismus bei Hamas, Al-Qaida und dem Islamischen Staat – Teil 4

Von Michael Wyss

Diese Artikelreihe beruht auf einem überarbeiteten Referat, welches der Autor im Oktober 2016 auf Veranstaltungen an der Universität Innsbruck sowie des Jungen Forums DIG Frankfurt an der Goethe Universität in Frankfurt a. M. präsentierte. Der vierte Teil behandelt Israelfeindschaft und Antisemitismus bei Al-Qaida. Der erste Teil erschien am 27. Dezember 2016, der zweite Teil am 2. Januar 2017, der dritte Teil am 12. Januar 2017.

1988 gründeten Osama Bin Laden und Abdullah Azzam in Afghanistan Al-Qaida. Bin Laden war der Sohn eines saudisch-jemenitischen Unternehmers, der über gute Kontakte zur saudischen Königsfamilie verfügte. Azzam wurde 1941 in der Nähe von Jenin geboren und seine Familie zog nach dem Sechstagekrieg nach Jordanien. 1969 schloss er sich der Muslimbruderschaft an und studierte später in Kairo, wo er ein Doktorat in islamischer Jurisprudenz erlangte. Nach einem kurzen Aufenthalt in Saudi-Arabien begann er in den frühen 1980er Jahren an der Islamischen Universität Islamabad in Pakistan zu unterrichten. 1984 gab er diese Stelle auf, um sich auf den Jihad im benachbarten Afghanistan zu konzentrieren. Gemeinsam mit Bin Laden gründete Azzam in Peshawar das Makhtab al-Kadamat, das Dienstleistungsbüro für Mujaheddin, welches arabische Jihadisten in Afghanistan finanziell und logistisch unterstützte.

Gemäß Lawrence Wright gründeten Azzam, Bin Laden und Anführer des Ägyptischen Islamischen Jihads, darunter Ayman Al-Zawahiri am 11. August 1988 Al-Qaida, wobei der Name der Organisation für mehrere Jahre geheim gehalten wurde. Zu diesem Zeitpunkt war die Niederlage der Sowjetunion bereits absehbar und die arabischen Jihadisten drängte es nach der „Befreiung“ aller muslimischen Länder. Allerdings waren sie sich nicht einig, wo der nächste Jihad zu führen sei. Während für Azzam die Befreiung Palästinas die höchste Priorität einnahm, betonte Zawahiri – in Einklang mit der Lehre von Sayyid Qutb und der Takfir-Ideologie –  die Notwendigkeit des Kampfes gegen „Apostaten-Regimes“, insbesondere demjenigen in seiner Heimat Ägypten. Sowohl Azzam als auch Zawahiri kämpften um die Gunst Bin Ladens, der Dank seines Vaters über beträchtliche finanzielle Mittel verfügte. Allerdings nahm diese Konkurrenz ein jähes Ende, als Abdullah Azzam bei einem Bombenanschlag im November 1989 gezielt ermordet wurde. Bis heute ist unklar, wer für seine Tötung verantwortlich ist.

Bis Mitte der 1990er-Jahre fokussierte sich Al-Qaida vor allem auf den „nahen“ Feind und bekämpfte arabische Regimes unter anderem in Ägypten und Jemen. Al-Qaida-Mitglieder und Sympathisanten beteiligten sich zudem an den Kriegen am Balkan und am Tschetschenienkonflikt. Spätestens gegen Mitte der 1990er-Jahre nahm Al-Qaida aber zunehmend den „fernen Feind“, d.h. den Westen und insbesondere die USA ins Visier. Al-Qaida spekulierte, dass die arabischen „Apostaten-Regimes“ sich nur durch Unterstützung der Vereinigten Staaten an der Macht halten konnten. Ein Rückzug der USA aus der Region hätte demnach deren Sturz zur Folge gehabt. Am 23. Februar 1998 veröffentlichten Bin Laden, Zawahiri, sowie drei weitere Jihadisten aus Ägypten, Pakistan und Bangladesch einen Appell der „Weltislamischen Front“, der zum „Heiligen Kriegen gegen Juden und Kreuzfahrer“ aufrief. Einige Monate später, im August 1998, erfolgten die zeitgleichen Anschläge gegen die US-Botschaften in Nairobi (Kenia) und Daressalam (Tansania). Zwei Jahre später führte Al-Qaida einen Anschlag gegen das US Schlachtschiff USS Cole im Golf von Aden durch. Noch ein Jahr später erfolgte schließlich der blutigste Anschlag der Organisation, der 11. September 2001.

Doch statt sich aus dem Nahen Osten zurückzuziehen, zerstörten die USA stattdessen die Infrastruktur von Al-Qaida in Afghanistan, die dadurch ihr von der Taliban-Regierung beschütztes Refugium verlor. Während Al-Qaida zuvor eine relativ hierarchisch strukturierte Organisation gewesen war, nahm sie nach der US-Invasion in Afghanistan die wesentlich diffusere Form einer Bewegung an, mit Ablegern und Partnerorganisationen in zahlreichen Ländern. Seit Osama Bin Laden’s Tod im Mai 2011 ist Ayman Al-Zawahiri ihr neuer Anführer.

 

Israelfeindschaft bei Al-Qaida

Der Jihad zur „Befreiung Palästinas“ war ein konstantes Thema in den Verlautbarungen Bin Ladens. Verschiedene Jihadismus-Experten wie etwa Thomas Hegghammer haben wiederholt darauf hingewiesen, dass Palästina eine zentrale Rolle in der Strategie Al-Qaidas einnimmt. Israel hatte zwar nie oberste Priorität für Bin Laden und Co., aber der Grund dafür lag nicht etwa in einer geringen Bedeutung. Vielmehr sollten mit der Vertreibung der USA aus der Region und dem Sturz der arabischen Regimes die Bedingungen geschaffen werden, um Palästina zu befreien. Von Bin Laden ist eine Anekdote überliefert, gemäß der er die Frage seines Sohnes, warum Al-Qaida die USA statt Israel bekämpfe wie folgt beantwortete: Israel und die USA seien wie ein Fahrrad, Israel sei ein eisernes Rad und die USA ein hölzernes. Es sei einfacher, zuerst das hölzerne zu zerstören.

Tatsächlich halten sich erfolgreiche und fehlgeschlagene Angriffe gegen israelische Ziele in Grenzen. Der vermutlich schwerste ereignete sich am 28. November 2002 (während Hanukkah) in Kenia, als bei einem Selbstmordanschlag gegen ein Hotel mit israelischem Besitzer dreizehn Personen starben, darunter 3 Israelis. Zeitgleich feuerten Terroristen eine Rakete auf ein Flugzeug der israelischen Fluggesellschaft Arkia ab, verfehlten aber ihr Ziel. Umstritten ist das Selbstmordattentat gegen die Mike’s Place-Bar in Tel Aviv im Jahr 2003. Zwar bekannte sich die Hamas zu dem Anschlag, aber es gibt Hinweise darauf, dass die beiden britischen Selbstmordattentäter mit pakistanischem Hintergrund von Al-Qaida rekrutiert worden waren.

Daneben gab es auch weitere Versuche wie etwa 2005 in der Schweiz, als die Salafistische Gruppe für Gebet und Kampf (GSPC), eine Partnerorganisation von Al-Qaida und die Vorgängerorganisation von Al-Qaida im Islamischen Magreb (AQIM), ein El Al-Flugzeug beim Start in Genf abzuschießen plante. Der Anschlag wurde frühzeitig vom Schweizer Geheimdienst verhindert.

 

Antisemitismus bei Al-Qaida

Auch Antisemitismus spielt eine zentrale Rolle bei Al-Qaida. Im Appell der Weltislamischen Front vom Februar 1998 behauptet Al-Qaida, dass Juden die USA kontrollieren würden. Bin Laden wiederholte diese Behauptung in zahlreichen Interviews und verkündete zudem, die Juden würden auch die britische Regierung kontrollieren.

Die Juden waren stets eines der wichtigsten Ziel für Al-Qaida, und die Organisation rief wiederholt zum „Jihad gegen Juden“ auf. Auch Inspire, das englischsprachige Magazine von Al-Qaida auf der Arabischen Halbinsel rief im Mai 2012 dazu auf, jene Ziele anzugreifen, „wo sich Juden versammeln, ihre Anführer und wichtigsten Institutionen in Europa.“ Zudem stellte Inspire klar, dass Juden neben „Polytheisten“ die „größten Feinde“ des Islam seien. Der schwedische Historiker Brynjar Lia hat zurecht festgehalten, dass die Juden die einzige Gruppe sind, die von Al-Qaida nie positiv erwähnt, bzw. denen nie ein Friedensangebot gemacht wurde.

Al-Qaida führte mehrere Anschläge gegen jüdische Ziel durch, etwa gegen die Synagoge von Djerba im September 2002, sowie gegen jüdische Gemeindezentren in Casablanca und Istanbul ein Jahr später. Auch der Anschlag von Mohammed Merah in Toulouse 2012 hat einen Bezug zu Al-Qaida. Während Merah oftmals als sogenannter „Lone Wolf“ beschrieben wurde, hatte er zuvor in Pakistan bei Jund al-Khilafa, einer Gruppierung mit Al-Qaida-Verbindungen, trainiert. Der Anführer von Jund al-Khilafa war niemand anderes als Moez Garsalloui, ein Schweizer Staatsbürger tunesischer Herkunft, der gemeinsam mit seiner Ehefrau jahrelang eines der wichtigsten Jihad-Internetforen betrieben hatte. Im Jahr 2012 wurde Garsalloui, einer der Top-Al-Qaida Kommandanten in Nord-Waziristan bei einem amerikanischen Luftangriff getötet.

 

Al-Qaida und Hamas

Sowohl Al-Qaida als auch Hamas entstanden beinahe zeitgleich gegen Ende der 1980er Jahre. Darüber hinaus verfügten sie mit Abdullah Azzam über eine besonders starke Verbindung. Azzam, Mitbegründer von Al-Qaida und Zeit seines Lebens Mitglied der Muslimbruderschaft, war bekannt für seine Sympathie gegenüber Scheich Yassin und der Hamas. Er verfasste ein Buch über die Terrororganisation, in dem er schlussfolgerte, dass die Hamas die einzige Gruppierung sei, die Palästina befreien könne. Azzam half zudem, die Hamas zu finanzieren und sammelte etwa während seiner Reisen in die USA, wo er für die Unterstützung des antisowjetischen Jihads warb, auch finanzielle Mittel für die palästinensische Gruppierung. Im Gegenzug führte die Hamas im Dezember 1989 einen Generalstreik durch um gegen die Ermordung Azzams zu protestieren. Zudem benannte sie verschiedene Einrichtungen und Einheiten nach ihm, etwa ihren militärischen Flügel im Westjordanland (später vereinheitlicht in Al-Qassam-Brigaden) sowie die Shahid Dr. Abdullah Azzam-Militärakademie, die 2006 in Gaza eröffnet wurde.

Allerdings hat sich in den vergangenen zehn Jahren das Verhältnis zwischen der Hamas und Al-Qaida stark verschlechtert. Al-Qaida kritisierte erstere für deren Beteiligung an den palästinensischen Legislativwahlen im Jahr 2006 und bezeichnete ihren positiven Bezug auf den palästinensischen Nationalismus als unislamisch. An dieser Stelle wird der Unterschied zwischen der Hamas als Vertreterin der Muslimbruderschaft und der salafistisch-jihadistischen Al-Qaida deutlich. Al-Qaida warf der Hamas ebenfalls vor, das palästinensische Volk zu verraten, da sie bereit sei, Waffenstillstände mit Israel einzugehen. Zudem kritisierte Al-Qaida die Hamas für ihren mangelnden Antiamerikanismus, die höchstens partielle Einführung der Scharia in Gaza, sowie ihre Zusammenarbeit mit Iran und der Hisbollah.

Auf der anderen Seite wirft die Hamas Al-Qaida vor, dass ihre Unterstützung für die Palästinenser außer wohlfeilen Erklärungen wenig Konkretes zu bieten habe. Die Hamas war auch stets darauf bedacht, den Einfluss von Al-Qaida und ihr nahestehendenr Gruppierungen im Gazastreifen einzuschränken. Wiederholt ging sie gegen salafistisch-jihadistische Organisationen vor, oftmals mit tödlichem Ausgang. Die Hamas ist sich bewusst, dass mit der Globalen Jihad-Bewegung sympathisierende Bewegungen eine Herausforderung für ihre Herrschaft im Gazastreifen darstellen.

Artikel zuerst erschienen bei Audiatur Online.

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