Islamische Traditionalisten gegen Tunesiens Erb- und Eherechtsreform

By M.Rais, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=19993042

„Manche denunzieren sie als einen Verstoß gegen das islamische Gesetz, andere begrüßen sie als revolutionär: Die Initiative des tunesischen Präsidenten, das Erb- und Eherecht für Frauen gerechter zu gestalten, schlägt in der gesamten muslimischen Welt Wellen und droht, das Land zu spalten. (…) Die Veränderungen auch nur zu fordern, stellte schon einen dramatischen Schritt dar. Für Kleriker, die dem muslimischen Mainstream angehören, ist das Erbrecht durch den Koran, das heilige Buch der Muslime, festgeschrieben, während das Eherecht ebenso fest in der Scharia verankert ist. Die meisten mehrheitlich muslimischen Länder im Nahen Osten und in Asien wenden diese Regeln an, da ihr Personenstands- und Familienrecht auf der Scharia beruht. Manche machen sich Sorgen, dass derartige Veränderungen in einem Land, das ohnehin schon tödliche Anschläge erlebt hat, den Zorn der Extremisten erregen könnten. Der Präsident argumentiert damit, dass die bestehende Praxis gegen die 2014 im Zuge des Arabischen Frühlings verabschiedete tunesische Verfassung verstößt. Er wolle, dass Tunesien der Verfassung entsprechend die ‚volle und tatsächliche Gleichberechtigung der Bürger und Bürgerinnen auf progressive Weise’ verwirkliche. (…)

Doch in Ägypten hat die wichtigste sunnitische Akademie, die Al-Azhar-Universität, die Vorschläge prompt zurückgewiesen. ‚Forderungen nach der Gleichberechtigung von Männern und Frauen im Erbrecht werden Frauen nicht gerecht, sie helfen Frauen nicht und verstoßen gegen die Scharia’, so Abbas Shoman, der stellvertretende Dekan der Al-Azhar-Universität in einer Erklärung. Shoman verteidigte auch das Verbot, das Nichtmuslimen die Eheschließung mit muslimischen Frauen untersagt. Während Muslime den Glauben ihrer nichtmuslimischen Ehefrauen mit aller Wahrscheinlichkeit respektieren würden, sei es unwahrscheinlich, dass das Gleiche für Nichtmuslime mit muslimischen Frauen gelten würde. (…) In Tunesien selbst haben die führenden Imame und Theologen eine Erklärung veröffentlicht, in der sie die Vorschläge des Präsidenten als ‚eklatanten Verstoß gegen die Gebote’ des Islam denunzieren. Die tunesische Islamistenpartei Ennahdha hat bislang noch keine offizielle Position bezogen. Die zweitstärkste Partei und der ehemalige Ministerpräsident Hamadi Jebali haben sich gegen jede ‚Gefährdung des gesellschaftlichen Friedens’ ausgesprochen und erklärt, die Ideen des Präsidenten würden nur die Sensibilitäten  eines liberalen Segments der Bevölkerung, nicht aber die aller Tunesier berücksichtigen. ‚Entweder weiß das Staatsoberhaupt nicht, dass ein durch den Koran kodifizierter Text nicht uminterpretiert werden kann, oder er handelt aus einem politischem Kalkül heraus’, erklärte er auf Facebook.“ (Bouazza ben Bouazza: „Tunisian women’s rights plan rattles Muslim traditionalists“)

 

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