Iraker decken sich mit Alkohol für Ramadan ein

„Während irakische Sicherheitskräfte noch damit beschäftigt sind, die letzten vom Islamischen Staat kontrollierten Enklaven in Mosul zu räumen, und ein Großteil der irakischen Öffentlichkeit sich auf 30 lange Tage des Fastens vorbereitet, gibt es für den 37jährigen Polizeioffizier Abdullah eine viel dringlichere Priorität. ‚Ich hätte gerne drei Kisten Budweiser [72 Dosen] und zwei Flaschen Araq’, informierte Abdullah einen Ladenbesitzer in der Sarkarez-Nachbarschaft der Stadt Sulaimaniyah am 25. Mai, zwei Tage vor dem offiziellen Beginn des Fastens. So wie tausende Andere war Abdullah dabei, Vorräte anzulegen, weil die Behörden der Kurdenregion die Schließung der Alkoholläden während des Monats Ramadan angeordnet haben. So haben viele Konsumenten nur die Möglichkeit, entweder größere Vorräte anzulegen oder sich auf den Schwarzmarkt zurückzugreifen, der aufblüht, wenn das Fasten beginnt. ‚Ich kaufe den Alkohol jetzt, weil es viel einfacher ist; Schwarzmarkthändler während des Fastens um Alkohol anzubetteln, ist viel zu nervig.’ Die Behörden in den drei Provinzen der kurdischen Region gaben am 25. Mai bekannt, sämtliche Alkoholläden müssten für die Dauer des Fastens schließen. ‚Wenn man während des Fastenmonats beim Alkoholverkauf erwischt wird, wird man gewöhnlich festgenommen und erst einen Tag nach dem Ende des Fastens wieder freigelassen. Zudem wird eine Strafe von 2 bis 4 Millionen Dinar (1700 bis 3400 Dollar) verhängt’, erklärte Rebaz, der jesidische Inhaber eines Ladens am Khatara-Mark in Sulaimaniyah. ‚Ich kann mich noch daran erinnern, wie die Alkoholläden bis 2009 auch während des Fastens geöffnet blieben. Wir mussten nur unsere Eingangstür mit einem Vorhang verhängen’, so Hammo, ein weiterer Ladeninhaber in Sarkarez. Auf die Frage, warum die Behörden den Alkoholverkauf untersagt hätten, antwortete Hammo (dies ist nicht sein wirklicher Name): ‚Wollen Sie den wahren Grund hören? Meines Erachtens sorgen sich die wichtigen politischen Parteien um die populistische Stimmungsmache und die Macht der Prediger.’

Seit die kurdische Regierung im Nordirak 1992 eingesetzt wurde, sind Alkoholläden in der ganzen Region ein Angriffsziel für Extremisten und populistische Prediger gewesen. Im Anschluss an den zweiten Irakkrieg von 2003 wurden im Zuge der Zunahme des religiösen Extremismus Alkoholläden in Bagdad, Mosul und vielen anderen Orten angegriffen. ‚Unter Saddam hat sich niemand getraut, die Alkoholläden anzugreifen’, sagte Hammo, der von 1987 bis 2003 in Mosul arbeitete, wo er Alkohol verkaufte und als Koch arbeitete. (…) Trotz der populistischen Stimmungsmache und des religiösen Drucks lehnte die Kurdische Regionalregierung (KRG) die im Oktober erfolgte Aufforderung des irakischen Parlaments unversehens ab, den Import, die Produktion und den Verkauf von alkoholischen Getränken gänzlich zu verbieten. Von dem Wein, Bier und Schnaps, der in den Alkoholläden angeboten wird, stammt viel aus Erbil. (…) Vielen erscheint die Entscheidung der KRG, die Alkoholläden zu schließen, fragwürdig. ‚Wir sind kein religiöser Staat wie der Iran. Diejenigen, die fasten wollen, sollen fasten. Und diejenigen, die trinken wollen, sollen trinken’, meint Amanj, ein 35jähriger Steuerberater. ‚Ich habe nichts gegen Religion und respektiere Menschen, die fasten, aber warum sollte ich darunter leiden?’ Behördenvertreter verweisen dagegen darauf, sie müssten versuchen, eine Balance zu schaffen, um den Frieden in einer Region zu wahren, in der das irakische Parlament für ein vollständiges Alkoholverbot gestimmt habe.“ (Fazel Hawramy: „Residents of Iraqi Kurdistan stock up on spirits as Ramadan kicks off“)

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