Immer gelassen bleiben

Analysiert man die profil-Berichterstattung über die Umwälzungen in der arabischen Welt, lassen sich mehrere Phasen identifizieren. In Phase 1 herrschte Euphorie über die Proteste und im Einklang mit einem großen Teil der übrigen Medienwelt wurden all jene, die vor einem Siegeszug der Islamisten warnten, als Panikmacher und ewig-gestrige Kulturkämpfer denunziert. Als dann, angefangen mit Tunesien, islamistische Parteien als Sieger aus den Wahlen hervorgingen, begann Phase 2: Gut, die Islamisten mögen die Gewinner sein, aber die, die vor ihnen gewarnt haben, haben trotzdem nicht recht, weil ihr Wahlsieg kein Rückschritt, sondern im Grunde ein Akt historischer Gerechtigkeit sei (so etwa Georg Hoffmann-Ostenhof in profil 43/2011).

Anfang 2012 schien dann einen kurzen Moment lang so etwas wie Selbstkritik darüber aufzukommen, ein Jahr lang mit fast jeder Analyse grundlegend danebengelegen zu haben. Profil-Herausgeber Christian Rainer verortete in der Berichterstattung über den „arabischen Frühling“ die „Naivität schon in der Bezeichnung und die Dummheit somit in der Interpretation der Beobachter.“ Nirgends sei eine „nachhaltige Verfasstheit der Länder absehbar, wie sie im ersten (und zweiten) Überschwang von den Kommentatoren prophezeit wurden.“ Allerorten würden sich „religiöse Fanatiker an die Spitze der Länder stellen oder brutale Proponenten alter und neuer Eliten.“

Diese Bemerkungen waren nicht zuletzt gegen seine eigene Außenpolitikredaktion gerichtet und das wurde offenbar auch so verstanden. Denn in der gleichen Ausgabe waren sogar aus Hoffmann-Ostenhofs Feder selbstkritische (wenn auch reichlich schwülstige) Worte zu vernehmen: „Da mag der Frühling noch so strahlend und wärmend sein. Der kalte Winter kommt – nach dem Sommer und dem Herbst – dann doch.“ Der „eisernen Naturlogik“ sei es geschuldet: „Der arabische Frühling, der auch in anderen Regionen der Welt so manche schöne Blume sprießen ließ, wollte nicht andauern.“ (profil 1/2012)

Mittlerweile scheint sich die profil-Außenpolitikredaktion wieder gefangen zu haben und ist in Phase 3 eingetreten: Ja, so Robert Treichler in der aktuellen Ausgabe (profil 4/2012), die Islamisten haben gewonnen, aber das sei gar kein Grund zur Beunruhigung. Zwar sei es nicht schwierig, ein „düsteres Bild von der Lage zu zeichnen“, denn: „Die Muslimbrüder hatten in ihrer Geschichte dschihadistische Tendenzen, sie wollten einen Gottesstaat errichten, sie verübten Terroranschläge … und sie übten sich in antiisraelischer Rhetorik.“ Aber „eine realistische Einschätzung der Frage, welche Politik von den Muslimbrüdern … zu erwarten ist“, sei mittels einer „etwas gelasseneren Analyse“ zu erlangen. (Zu einer derartig „gelassenen Analyse“ dürften in Treichlers Sicht jene Israelis nicht in der Lage sein, die in der Bezeichnung „antiisraelische Rhetorik“ eine Verniedlichung des vehementen Antisemitismus der Muslimbrüder sehen.)

Das Ergebnis von Treichlers „gelassener Analyse“ lautet: Die Muslimbrüder hätten ein Interesse „an funktionierenden demokratischen Institutionen“, würden eine „soziale Markwirtschaft“ anstreben und würden sich auf „Eigentumsrechte, Marktwirtschaft, Schutz der Schwachen“ konzentrieren – kurz: „Die Muslimbrüder agieren clever, staatsmännisch und modern“.

Sollte sich irgendwann erweisen, dass diese Lobeshymne auf Islamisten, wie so viele andere Prognosen, die profil im Laufe des letzten Jahres angestellt hat, einfach falsch war, bereitet Treichler jetzt schon Phase 4 vor. Wer, wie Israels Premier Netanjahu, behauptet, „der arabische Frühling sei gescheitert“, aus dem „spricht die Verachtung für die Werte, die man den Muslimbrüdern abzusprechen versucht: Demokratie und Pluralismus.“ Der Kern von Phase 4 lautet also: Die wahren Gegner der Demokratie sind die Israelis, die den demokratischen Bekenntnissen der Islamisten keinen Glauben schenken wollen. Wenn Treichler zum Abschluss seines Artikels raunt: „Der arabische Frühling wird auch von außen bedroht“, dann ist er mit seiner „gelassenen Analyse“ dort angekommen, wo arabische Despoten schon seit Jahrzehnten sind: Schuld am Scheitern von Fortschritt und Modernisierung in der arabischen Welt sind die Israelis.


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