Geheimabkommen regelte Abzug des IS aus Raqqa

„Die BBC hat die Einzelheiten eines Geheimabkommens aufgedeckt, das Hunderten Kämpfern des Islamischen Staats und ihren Familien unter den Augen der von den USA und Großbritannien angeführten Koalition und der von Kurden angeführten Streitkräfte, die die Stadt kontrollieren, die Flucht aus Raqqa ermöglichte. Zu dem Konvoi gehörten manche der berüchtigtsten Mitglieder des Islamischen Staats und – eingegangenen Zusagen zum Trotz – Dutzende ausländische Kämpfer. Manche von ihnen haben sich inzwischen in ganz Syrien verteilt oder es sogar bis in die Türkei geschafft. (…) Das Abkommen, das es Kämpfern des Islamischen Staats ermöglichte, aus Raqqa, der faktischen Hauptstadt ihres selbsterklärten Kalifats, zu fliehen, wurde von Amtsinhabern vor Ort vereinbart. Zuvor wurde vier Monate lang um die zunehmends menschenleere Stadt gekämpft, die in dieser Zeit weitgehend zerstört wurde.

Die Vereinbarung verhinderte weiteres Blutvergießen, beendete die Kämpfe und rettete arabische, kurdische und andere Kämpfer, die die gegen den Islamischen Staats vorgingen. Doch ermöglichte es auch Hunderten Kämpfern des Islamischen Staats die Flucht aus der Stadt. Damals wollten weder die von den USA und Großbritannien angeführte Koalition noch die von ihr unterstützten Freien Kräfte Syriens (SDF) ihre Rolle bei dem Abkommen zugeben. Hat die Vereinbarung, die als schmutzigstes Geheimnis Raqqas galt, eine Bedrohung auf den Rest der Welt losgelassen und es Terroristen ermöglicht, sich in ganz Syrien und darüber hinaus auszubreiten? Es wurden erhebliche Anstrengungen unternommen, das Abkommen geheim zu halten. Doch hat die BBC mit Dutzenden Menschen gesprochen, die entweder Teil des Konvois waren oder ihn beobachtet haben, sowie mit denjenigen, die die Vereinbarung aushandelten. (…)

‚Von dem Moment an, da wir Raqqa betraten, hatten wir Angst’, sagte [Abu Fawzi, einer der Fahrer]. ‚Wir sollten mit den SDF vorrücken, mussten uns dann aber alleine auf den Weg machen. Sobald wir die Stadt betraten, sahen wir bewaffnete Kämpfer des Islamischen Staats, die Sprenggürtel trugen. Sie brachten Ladungen an unseren Lastern an. Sollte etwas mit dem Abkommen nicht klappen, würden sie den gesamten Konvoi sprengen. Selbst ihre Kinder und Frauen trugen Sprenggürtel.’ Die von Kurden angeführten SDF sperrten Raqqa für die Medien. Das Entkommen des Islamischen Staats aus seiner Hochburg sollte nicht im Fernsehen übertragen werden. Der Öffentlichkeit gegenüber erklärten die SDF, es sei nur einigen Dutzend ausschließlich einheimischen Kämpfern gelungen, die Stadt zu verlassen. Doch berichtete uns ein Lasterfahrer, dass das nicht wahr sei. ‚In ihren und unseren Fahrzeugen haben wir insgesamt rund 4000 Menschen, darunter auch Frauen und Kinder, herausgebracht. Als wir nach Raqqa kamen, dachten wir, wir sollten 200 Leute abholen. Ich nahm in meinem Fahrzeug allein 112 Menschen mit.’ Ein anderer Fahrer gibt an, der Konvoi sei sechs bis sieben Kilometer lang gewesen. Er habe aus fast 50 Lastern, 13 Bussen und mehr als 100 Fahrzeugen des Islamischen Staats bestanden. Auf manchen Fahrzeugen hätten trotzig vermummte Kämpfer des Islamischen Staats gesessen.

Heimlich aufgenommene Videos, die an uns weitergegeben wurden, zeigen Laster mit Anhängern voller bewaffneter Männer. Obwohl vereinbart worden war, dass nur persönliche Waffen mitgeführt würden, nahmen die Kämpfer des Islamischen Staats so viele Waffen mit, wie sie tragen konnten. Zehn Laster waren mit Waffen und Munition beladen. (…) Angesichts der Untersuchung der BBC gesteht die Koalition nun die Rolle ein, die sei bei dem Abkommen spielte. Gut 250 Kämpfern des Islamischen Staats wurde es gestattet, Raqqa zusammen mit 3500 Angehörigen zu verlassen.“ (Quentin Sommerville / Riam Dalati: „Raqqa’s dirty secret“)

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