GEFÄHRLICHER SINAI

Wie eine ägyptische Zeitung heute berichtet, war die im Norden der Sinaihalbinsel gelegene Gaspipeline erneut Ziel eines Sprengstoffanschlages. Seit Beginn der Demonstrationen gegen den damaligen Diktator Hosni Mubarak im Jänner 2011 war dies bereits der fünfzehnte Angriff auf die Gasleitung, über die bis zum Beginn der Anschlagswelle auf Basis eines Abkommens aus dem Jahre 2004 ägyptisches Erdgas an Israel geliefert worden war. In österreichischen Medien wird seit geraumer Zeit nicht mehr über diese Anschläge berichtet. Genauso wenig, wie über die zahlreichen Geiselnahmen, die an dem auch bei österreichischen Touristen äußerst beliebten Reiseziel immer wieder stattfinden.

Mitte Mai präsentierte der Reiseveranstalter TUI die Reisetrends im Sommer 2012. Anhand der bereits erfolgten Buchungen ließ sich ein eindeutiger Gewinner ausmachen: Nach dem Einbruch der Urlauberzahlen in Folge des Aufstandes gegen Langzeitdiktator Mubarak im vergangenen Jahr war bei den Buchungen für Urlaube in Ägypten dieses Jahr ein Plus von 24 Prozent zu verzeichnen. Neben dem touristischen Zentrum Hurghada erfreuen sich auch Reiseziele auf der Sinaihalbinsel, allen voran Sharm el Sheikh, wieder großer Beliebtheit. Die Reiseunternehmen scheinen keinerlei Bedenken zu haben, massenweise Urlauber in ein Gebiet zu karren, in dem sich die Sicherheitslage in den vergangenen eineinhalb Jahren massiv verschlechtert hat.

Vor allem die ständig stattfindenden Geiselnahmen sollten eigentlich für Schlagzeilen sorgen. Eine Auswahl, ohne jeden Anspruch auf Vollständigkeit: Im Jänner kidnappten Beduinen 25 chinesische Arbeiter, um inhaftierte Stammesmitglieder freizupressen. Anfang Februar überfielen bewaffnete Männer einen Kleinbus, in dem sich fünf Touristen verschiedener Herkunft gerade auf dem Weg von Sharm el Sheikh zum berühmten Katharinenkloster am Fuße des so genannten Mosesbergs befanden. Die Angreifer entführten zwei Amerikanerinnen und eine ägyptische Fremdenführerin. Wenige Tage danach griffen Beduinen erneut in der Nähe des Katharinenklosters einen mit dreißig Touristen besetzten Reisebus an und nahmen drei koreanische Urlauberinnen und einen ägyptischen Übersetzer als Geiseln. Im März belagerten Dutzende Beduinen acht Tage lang einen Stützpunkt der multinationalen Friedenstruppe, die seit dem ägyptisch-israelischen Friedensschluss am demilitarisierten Sinai stationiert ist. Mitte des Monats wurden zwei brasilianische Frauen entführt, als sie sich mit einer Reisegruppe auf dem Rückweg vom Katharinenkloster befanden. Anfang Mai kidnappten Beduinen zehn Mitglieder der multinationalen Friedenstruppe. Und erst letzte Woche wurden wieder zwei Amerikaner und ein ägyptischer Fremdenführer verschleppt.

Im Egyptian Independent hieß es anlässlich diese jüngsten Vorfalles zusammenfassend: „Bedouin often take tourists hostage near popular Red Sea resorts in southern Sinai“ und trifft damit den entscheidenden Punkt: Die überwiegende Mehrzahl dieser Vorfälle spielte sich nicht in irgendwelchen abgelegenen Wüstengebieten ab, in die es nur selten ausländische Touristen verschlägt, sondern auf dem Weg just zu einem Ort, der zu den beliebtesten und am meisten frequentierten Ausflugszielen von Sinai-Reisenden gehört.

Spricht man mit Beschäftigten der Tourismusbranche über die sehr reale Gefährdungslage am Sinai und weist auf die vielen Vorfälle der letzten Monate hin, erntet man nur ungläubiges Staunen. Dass sie und die vielen Sinai-Urlauber vielfach keine Ahnung haben, worauf sie sich einlassen, ist nur allzu verständlich – woher sollten sie denn die Informationen auch bekommen, wenn die Medien hierzulande so gut wie nie über die heikle Situation am Sinai berichten?


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