Frankreich: Auf dem Weg zu einer judenfreien Nation

Von Robbie Travers
Artikel zuerst erschienen bei Gatestone Institute

Während der letzten 15 Jahre sind nach Schätzungen Zehntausende von Juden aus Frankreich geflohen. Davon sind etwa 40.000 nach Israel geflohen, gemäß israelischer Zahlen. Viele tausend andere sind nach Kanada geflohen, nach Großbritannien und anderswohin. Frankreich wird immer mehr zu einer Nation, in der es nicht mehr sicher ist, offen jüdisch zu sein.

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Französische Soldaten bewachen eine jüdische Schule in Straßburg, Februar 2015

Um zu erklären, warum so viele Juden Europa verlassen, hilft es, den zunehmend toxischen Kontext für Juden, der sich in Frankreich entwickelt, zu verstehen.

Synagogen und jüdische Schulen in ganz Frankreich werden regelmäßig von Polizisten und Soldaten bewacht. Juden in Europa sehen ihre heiligen Stätten und Kultstätten bedroht. Im Dezember 2015 wurden 14 Juden durch eine giftige Substanz vergiftet, die auf der Zahlentastatur zum Zutritt zu einer Pariser Synagoge verschmiert war. Niemand wurde durch das Gift getötet, doch „25 Feuerwehrleute waren in der Synagoge im Einsatz, wo sie Gemeindemitglieder behandelten und ihren Zustand auf das beschmierte Schloss zurückführten.“

Eine andere Paris Synagoge wurde demoliert und ein Fenster zertrümmert. Synagogen scheinen eines der Ziele einer neuen Welle des in Frankreich und Europa ansteigenden Antisemitismus zu sein. Auf dem Weg in eine Synagoge wurde ein 13-jähriger Junge als „dreckiger Jude“ beschimpft und dann ernsthaft attackiert. Die Angreifer sollen den Jungen angegriffen haben, weil er eine Kippa trug. Bloß 71 Jahre nach dem Ende eines der dunkelsten Kapitel der europäischen Geschichte – und nachdem wir „nie wieder“ versprachen –, scheint es normal geworden zu sein, Juden zu hassen und zu verfolgen.

Die Terroranschläge auf Juden in Frankreich sind das Ergebnis von jahrelang toleriertem Judenhass mit wenig offizieller Kritik. Im Jahr 2014 haben antiisraelische Demonstranten eine Pariser Synagoge angegriffen und die Gemeindemitglieder gezwungen, sich im Inneren zu verbarrikadieren. Die Gesänge der Angreifer lauteten offenbar „Tod den Juden“, „Mörderisches Israel“ und „Ein Jude, manche Juden, alle Juden sind Terroristen.“ Es scheint, dass Menschen, die offen zum Hass gegen Juden bis hin zu Mord aufrufen, heute behaupten können, bloß „antiisraelisch“ zu sein und nicht antisemitisch. Anstiftung zur Ermordung von Juden wurde von der französischen Presse als „harmlos“ beschrieben. Wenn die Rede von Rassenmord so beiseite geschoben wird, ist es dann ein Wunder, wenn radikale Kleriker weiterhin bösartig entmenschlichenden Hass predigen, der in Gewalt gipfelt?

paris-is-burning-anti-semitisWenn die Medien akkurat berichten würden, müssten sie diese „anti-israelischen“ Proteste als „antisemitisch“ und als „Anstiftung zu Gewalt und Völkermord“ beschreiben. Wenn auf einem der größten Plätze von Paris Hakenkreuze gemalt werden von denen, die behaupten, Israel entgegenzutreten; wenn ISIS- und Hamas-Fahnen wehen und Gruppen ungestraft den Völkermord an den Juden verlangen, ist es  dann ein Wunder, dass Einzelne solche Gruppen unterstützen? Wenn Gesänge wie „Tod den Juden“ öffentlich ertönen, ist es dann überraschend, dass die Menschen tatsächlich zu denken anfangen könnten, dass Juden zu töten schon in Ordnung ist?

Rechtsaußen-Islamisten und Neonazis schlossen sich in Paris bei einem „Tag des Zorns“ zusammen. Mehr als 17.000 von ihnen marschierten und skandierten slogans wie „Jude, Frankreich ist nicht für Dich!“ Ist es angesichts dessen verwunderlich, dass die Juden in immer größerer Zahl aus dem Land fliehen? Wenn Islamistengesänge vor einer zentralen Pariser Synagoge „Hitler hatte recht“ lauten, während einige seiner Opfer noch auf dieser Erde wandeln, ist es da überraschend, dass Menschen in der französischen Gesellschaft beginnen, ihm nachzueifern oder das zumindest anstreben?

Synagogen sind jedoch nicht die einzigen ernsthaft bedrohten Institutionen. Jüdische Schulen in ganz Frankreich stehen unter schwerer Bewachung durch Polizei und Soldaten. Die Tragödie ist, dass wir – die französische und europäische Gesellschaft – es erlaubt haben, diese Bewachung notwendig zu machen, indem wir jene tolerieren, die Ungerechtigkeit, Vorurteile und Hass fördern. Paul Fitoussi, Rektor der jüdischen Schule Lucien de Hirsch in Paris, fasst zusammen, warum die Stimmung für Juden in Frankreich  so vergiftet geworden ist:

„Die Leute denken heute, dass es gefährlich ist, in Frankreich jüdisch zu sein, weil es eine Reihe von Zwischenfällen gab: Die Entführung und Ermordung von Ilan Halimi vor zehn Jahren, den Terroranschlag auf die jüdischen Schule in Toulouse vor vier Jahren, die Messerstechereien in Marseille, der Angriff auf den Hyper Cacher Markt vom letzten Jahr: Es gibt da ein Problem. Für die Franzosen ist es neu, sich Gedanken über Sicherheitsfragen zu machen. Ich spreche mit der Polizei, aber sie wissen nicht, was zu tun ist. Sie brachten bewaffnete Soldaten an die Schulen, aber ich weiß, dass das auf lange Sicht keine Lösung ist.“

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Ilan Halimi

Es scheint ein roter Faden durch die Vorfälle oben und Angriffe auf Juden heute zu gehen. Im Fall Ilan Halimi wurde das Opfer auf Grund seiner jüdischen Herkunft gezielt ausgewählt – und aufgrund der damit einhergehenden Vorstellung, dass Jude zu sein bedeutet, reich zu sein. Ein ähnlicher Angriff wurde von einem Fünftklässler an der Lucien de Hirsh Schule berichtet. Er sagte, seine Angreifer, ausländischen Ursprungs, „fragten, ob ich Jude war. Ich sagte ja, und sie antworteten, dass die Juden vor Geld strotzen würden, und wenn ich ihnen nicht meinen Mantel gebe, werden sie mich töten.“ Es scheint, dass antisemitische Stereotype von jüdischem Reichtum – die von Islamisten und anderen aufrechterhalten werden – heute in der französischen Gesellschaft alltäglich geworden sind, weswegen Juden zunehmend mit Mord, Raub und Erpressung bedroht werden.

Nicht einmal die öffentlichen Verkehrsmittel sind für Juden sicher; im Dezember 2015 beschimpfte ein Mann auf einem Zug in Paris eine Gruppe von Juden und sagte, dass er wünschte, sie zu töten. „Wenn ich nur eine Granate dabei hätte“, so drohte er, „wie nennt man sie, so eine Splittergranate, dann würde ich diesen Wagen mit den verdammten jüdischen Bastarden in die Luft sprengen.“ Seit 2000 hat es auch eine beunruhigend starke Zunahme der Zahl an von Muslimen verübten gewaltsamen antisemitischen Angriffen in Frankreich gegeben. Mehrere offizielle Statistiken haben gezeigt, dass sich in den letzten 20 Jahren die Zahl der gewalttätigen antisemitischen Handlungen verdreifacht hat. In Frankreich im Jahr 2014 gab es 851 aufgezeichnete antisemitische Vorfälle, was das die Summe von 2013 mehr als verdoppelt.

Juden mögen weniger als 1% der expandierenden und vielfältigen französischen Bevölkerung ausmachen, aber sie sind die Opfer von 40% -50% der in Frankreich registrierten rassistischen Angriffe. Juden sind nur der Ausgangspunkt, von dem aus Islamisten beginnen, jene Menschen anzugreifen, deren Existenz sie missbilligen. Als nächstes gehen sie auf die LGBT-Community los, wie man beim Orlando-Shooting gesehen hat, oder wenn ISIS Homosexuelle von Gebäuden stürzt. Und natürlich auch auf Christen, deren Abschlachtung wir etwa, um nur ein einzelnes Beispiel zu bringen, an einem libyschen Strand gesehen haben. Am häufigsten jedoch sind andere Muslime, die ausgesuchten Opfer von Islamisten: Offenbar ist niemand sicher, und das schließt uns alle ein.

Vielleicht schließen wir deshalb am besten mit einer Anmerkung, die inspiriert ist von der Arbeit Martin Niemöllers (1892-1984), eines prominenten lutherischen Pastors und vernichtenden Kritikers von Adolf Hitler. Dementprechend verbrachte Niemöller die letzten sieben Jahre der NS-Herrschaft in Konzentrationslagern, hatte aber das Glück, zu überleben. Sein zeitloses Gedicht bedarf nicht viel an Modernisierung:

„Als die Nazis die Kommunisten holten, habe ich geschwiegen;
ich war ja kein Kommunist.

Als sie die Sozialdemokraten einsperrten, habe ich geschwiegen;
ich war ja kein Sozialdemokrat.

Als sie die Gewerkschafter holten, habe ich nicht protestiert;
ich war ja kein Gewerkschafter.

Als sie die Juden holten, habe ich geschwiegen;
ich war ja kein Jude.

Als sie mich holten,
gab es keinen mehr, der protestierte.

Robbie Travers, ein politischer Kommentator und Berater, ist Executive Director von Agora, ehemaliger Medienmanager des Human Security Centre und Student der Jurisprudenz an der Universität Edinburgh.

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