Foltervorwürfe gegen Erdogan-Regime erhärten sich

„Juristischen Beistand leisteten Mitglieder der Anwaltskammer von Ankara, die als Nichtregierungsorganisation die Interessen des Berufsstands vertritt. Hunderte Verdächtige wurden offenbar drei Tage lange in einem von Fäkalien getränkten Pferdestall eingesperrt, ihre Arme in schmerzhaften Positionen zusammengebunden. Zudem seien Häftlingen erst nach mehreren Tagen Nahrungsmittel ausgehändigt worden. Die Schilderungen der beiden Anwälte decken sich mit einem am 24. Juli publizierten Bericht von Amnesty International. Die Menschenrechtsorganisation fand glaubwürdige Hinweise, dass Inhaftierte systematisch gefoltert wurden. Zu den schweren Übergriffen kam es gemäss Amnesty im Sportzentrum Baskent in Ankara, im zugehörigen Reitklub sowie in Polizeiwachen. (…)

Wenig überzeugend mutet derweil an, wie die Regierung die Wunden im Gesicht und an den Armen des ehemaligen Luftwaffenchefs Akin Öztürk erklärt. Justizminister Bozdag sagte in einem Fernsehinterview, Öztürks Helikopter sei beschossen worden. Bei der anschliessenden Landung habe sich der General Verletzungen zugezogen. Allerdings deutet Bildmaterial darauf hin, dass der General nach diesem Zwischenfall misshandelt wurde. Einer der beiden Juristen der Anwaltskammer von Ankara sieht Anzeichen für das sogenannte Pfahlhängen. Bei dieser Foltermethode, welche die Türkei laut Human Rights Watch in den neunziger Jahren systematisch anwandte, werden die Hände hinter dem Körper zusammengebunden. Danach wird das Opfer an einem Pfahl oder an der Decke aufgehängt. Fotos des übel zugerichteten Ex-Generals, den die Regierung als Rädelsführer ausmachte, veröffentlichten auch offiziöse Medien. Deren Authentizität scheint unbestritten. Die Türkei hatte vergangene Woche den Ausnahmezustand verhängt und die Europäische Menschenrechtskonvention temporär ausgesetzt. Dieser Schritt stellt freilich keinen Freipass für Folter dar.“

(Marco Kauffmann Bossart: „Foltervorwürfe in der Türkei. Rache in den Pferdestallungen“)

Mehr dazu auf Mena Watch: Erdogan-Regime lässt Putsch-Soldaten foltern

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