Fiktive Fortschritte

Die Presse berichtet in ihrer heutigen Ausgabe, dass Yukiya Amano, der Leiter der Internationalen Atomenergiebehörde, mit iranischen Vertretern wieder über den Zugang zu der Forschungsanlage Parchin verhandeln werde. Die IAEA vermutet, dass „der Iran dort an Atomwaffen gebastelt habe, zuletzt aber Spuren verwischen wollte.“ Obwohl vor nicht allzu langer Zeit noch über angeblich wesentliche Fortschritte in den Verhandlungen über Parchin berichtet wurde, steht die umstrittene Anlage den IAEA-Inspektoren noch immer nicht offen. Hier wird das immer wiederkehrende Muster der Berichterstattung westlicher Medien über den Atomstreit mit dem Iran deutlich: Bei keinem anderen Thema ist die Kluft zwischen erfreulich klingenden Meldungen und der schnöden Realität größer. Angesichts all der „positiven Signale“, „konstruktiven Gesprächen“ usw. ist es wirklich ein Wunder, dass die Angelegenheit nicht schon längst erledigt ist. Hier eine Auswahl aus den Überschriften über die fiktiven „Fortschritte“ allein der letzten zwei Monate:

„Angeblich baldiges Ende der Uran-Anreicherung“ (Standard, 10. Apr. 2012); „Iran. ‚Initiativen‘ für Atomgespräche“ (Kurier, 12. Apr. 2012); „Optimismus nach dem ersten Schritt“ (Kurier, 15. Apr. 2012); „Iran: Entspannung“, „Neue Hoffnung nach Atomgesprächen. Der Iran hat beim Neustart der Gespräche über sein Atomprogramm erstmals wieder Interesse an ernsthaften Verhandlungen signalisiert“ (Standard, 16. Apr. 2012); „Treffen des guten Willens“ (Standard, 16. Apr. 2012); „Anfangserfolg bei Iran-Gesprächen in Istanbul. Verhandlungen verliefen in offener Atmosphäre und sollen im Mai weitergehen“ (Presse, 16. Apr. 2012); „In Istanbul hat die Diplomatie im Atomstreit mit dem Iran … jüngst einen Etappensieg errungen“ (Standard, 17. Apr. 2012); „Iran: Besuch des Chefs der IAEO ‚gutes Zeichen‘“ (Standard, 21. Mai 2012); „IAEO-Chef Amano: Einigung mit Iran über Zusammenarbeit“ (Standard, 23. Mai 2012); „IAEO-Chef kündigt Fortschritte im Iran-Atomstreit an. Einigung über Kooperation vor Gesprächen in Bagdad“ (Standard, 23. Mai 2012); „Iran lenkt im Atomstreit ein: Vertrag vor Unterzeichnung“ (Kurier, 23. Mai 2012); „Öffnet Iran Türen zu A-Bombenlabor? Atomstreit. IAEA-Chef Amano kündigt baldigen Vertrag über zusätzliche Visiten in Irans Nuklearanlagen an“ (Presse, 23. Mai 2012); „Atomgespräche: Neuer Vorschlag“ (Standard, 24. Mai 2012); „Atomstreit mit dem Iran: Gipfel in Bagdad endet mit positiven Signalen“ (Kurier, 24. Mai 2012); „Atomstreit: Teheran soll laut EU-Wortführerin Ashton bei Urananreicherung Gesprächsbereitschaft signalisieren“ (Presse, 25. Mai 2012) „Atomstreit: Iran könnte zum Einlenken bereit sein“ (Standard, 31. Mai 2012); „Iran deutet im Atomstreit Einlenken an: Klares Lob für den Westen“ (Kurier, 31. Mai 2012)

Zumindest die letzte Meldung kann man nur zu gut verstehen: In den Verhandlungen um sein Atomprogramm spielt der Iran seit Jahren auf Zeit. Warum sollte er angesichts seines Erfolgs damit nicht voll des Lobes für den Westen sein?


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