ES LÄUFT IMMER ALLES AUF DAS GLEICHE HINAUS

Stellen Sie sich vor, sie suchen Ihren Arzt auf, beschreiben ihm Ihre Beschwerden, und er rät Ihnen, ein Aspirin zu nehmen und sich ins Bett zu legen. Stellen Sie sich nun weiter vor, Sie gehen einige Monate später wieder zu ihm, schildern ihm völlig andere Beschwerden, und sein Rat lautet abermals: Aspirin und Bettruhe. Stellen Sie sich schließlich vor, dass dieser Arzt Ihnen, völlig unabhängig von Ihren konkreten Beschwerden, immer wieder ein und denselben Rat gibt – Sie würden zum Schluss kommen müssen, dass er sich in Wahrheit weder für Ihre Beschwerden, noch für deren adäquate Behandlung interessiert.

Was im Falle eines Arztes einen Skandal auslösen und den Betreffenden zu Recht binnen kürzester Zeit seinen Job kosten würde, gilt in den öffentlichen Debatten über die politischen Entwicklungen im Nahen Osten leider als völlig normal: Vollkommen egal, worum es im konkreten Fall geht, immer wieder landet eine Vielzahl von Kommentatoren zielsicher bei stets demselben Ergebnis.

Die Kleine Zeitung bot heute ein derartiges Beispiel. In seinem Debattenbeitrag analysiert Peter Huemer auf durchaus vernünftige Art und Weise die Gefahr eines möglichen nuklearen Schlagabtausches zwischen Israel und dem Iran sowie die weitreichenden Folgen einer derartigen Eskalation, um sich am Ende der Frage zu widmen, was Israel in dieser „lebensgefährlichen“ Situation nun tun könne. Seine Antwort lautet:

„Es läuft immer auf dasselbe hinaus: Endlich einen Kompromissfrieden mit den Palästinensern schließen. Das würde die internationale Situation des Landes gewaltig verbessern und die Gefahr eines gegnerischen Atomschlages entschieden verringern.“

Huemer zieht weder in Betracht, dass zu einem Kompromiss mindestens zwei Parteien gehören und es also nicht allein in Israels Händen liegt, ob eine Verständigung mit den Palästinensern möglich ist – eine weit verbreitete Haltung, die u. a. deshalb höchst problematisch ist, weil sie die Palästinenser im Grunde zu völlig passiven Statisten degradiert, die keinerlei Einfluss auf ihr Schicksal haben. Noch versucht er auch nur ansatzweise zu erläutern, warum ausgerechnet ein Kompromiss die Aggressivität des Iran zügeln sollte, der bekanntlich an einem Frieden zwischen Israel und den Palästinensern nicht das geringste Interesse hat und alles in seiner Macht stehende unternehmen würde, um eine Beendigung des Konflikts zu verhindern.

Viel wichtiger ist aber die Offenheit, mit der Huemer seinen Rat einleitet: „Es läuft immer auf dasselbe hinaus“. Wie bei so vielen anderen Kommentatoren des Geschehens im Nahen Osten, läuft auch bei ihm alles „immer auf dasselbe hinaus“. Beispiele, auf die dieses Muster angewendet werden kann, gibt es viele. Problem: Der Iran arbeitet an Atomwaffen, um sich eine regionale Vormachtstellung zu erobern. Lösung? Israel muss endlich Frieden mit den Palästinensern schließen. Problem: In Ägypten wird gegen ein Regime protestiert, dessen Vorgänger erst vor wenigen Monaten gestürzt worden war. Lösung? Israel muss nun wirklich die Chance ergreifen und endlich mit den Palästinensern… Problem: Das saudische Königreich steckt Milliarden von Petro-Dollars in die Verbreitung seiner höchst rigiden Vorstellungen des Islam. Lösung? Wenn Israel endlich Frieden mit den Palästinensern schließen würde…. Problem: Wie wird die Zukunft des Irak aussehen? Lösung: Wenn interessiert der Irak? Aber es wäre höchst an der Zeit, dass Israel endlich…. Problem: Die Türkei verabschiedet sich unter der Führung der islamistischen AKP von Premier Erdogan zunehmend vom Westen? Lösung: Kein Wunder, solange Israel…

Aber was für den Arzt gilt, der jegliche Beschwerden mit stets der gleichen Behandlung zu lindern verspricht, das gilt auch hier: Wer bei egal welchem Problem des Nahen Ostens immer wieder nur auf genau ein und dieselbe „Lösung“ kommt, der interessiert sich in Wahrheit weder für eine ernsthafte Analyse der Probleme, noch tatsächlich für die Wege zu deren Lösung. „Es läuft immer auf dasselbe hinaus“ – Peter Huemer ist zu danken, diese Grundhaltung, die sich die Realität nur selten in die Quere kommen lässt, so offen ausgesprochen zu haben.


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