EINE GESCHICHTE, ZWEI VERSIONEN

Verteidigungsminister Darabos besuchte die Soldaten des im Südlibanon stationierten österreichischen UNIFIL-Kontingents. Während er sich im Hauptquartier der österreichischen Blauhelme aufhielt, schlug ein Radarsystem Alarm. Sowohl der ORF als auch der KURIER berichteten über diesen Vorfall. Die Unterschiede zwischen den beiden Berichten sind aufschlussreich.

Hier zunächst die Version des ORF: „In der Unterkunft Edelweiß im Camp Naguora wurde eine schlichte Vorweihnachtsfeier abgehalten. Knapp vor der Feier gab es Alarm. Die libanesische Terrororganisation Hisbollah habe eine Rakete gegen Israel abgefeuert, hieß es. Doch diesmal war es ein Fehlalarm. Aber jederzeit ist dieses Szenario möglich.“

Es gibt keinen Grund, an der ORF-Version der Geschichte zu zweifeln – immer wieder kommt es an der libanesisch-israelischen Grenze zu kurzen Scharmützeln zwischen der Hisbollah (oder anderen Terrorgruppen) und der israelischen Armee: Aus dem Libanon werden Raketen abgefeuert, die israelischen Streitkräfte reagieren darauf mit dem Abschuss von Granaten.

Im KURIER schildert Wilhelm Theuretsbacher dagegen den gleichen Vorfall ganz anders: „Ein Gefechtsfeld-Radarsystem hatte soeben den Abschuss einer Granate auf israelischer Seite gemeldet. Geht es schon wieder los?“

Der Alarm, der laut ORF ohnehin ein Fehlalarm war, soll also nicht von einer Rakete aus dem Libanon, sondern durch eine Granate aus Israel ausgelöst worden sein. Mit der darauf folgenden Frage: „Geht es schon wieder los?“, suggeriert Theuretsbacher überdies, dass dies das übliche Muster sei. Dass dem nicht so ist, weiß Theuretsbacher selbst, denn weiter unten schreibt er: „Wären der israelischen Granate weitere gefolgt, hätte die Weihnachtsparty in den Bunker verlegt werden müssen. Denn das wäre eine jener zahllosen Reaktionen der Israelis auf die Hisbollah-Provokationen gewesen.“ (KURIER, 23. Dez. 2011)

Man beachte die Wortwahl und die Stellung der Wörter im Satz: Theuretsbacher bestreitet nicht, dass es sich bei Granaten von israelischer Seite um Reaktionen auf Beschuss aus dem Libanon handelt, „zahllos“ sind für ihn aber dennoch nicht etwa die Raketenabschüsse der Hisbollah, sondern die Reaktionen der Israelis. Nicht unerwähnt bleiben sollte dabei, dass jede einzelne der auf Israel abgefeuerten Raketen nach internationalem Recht ein Kriegsverbrechen darstellt; Theuretsbacher verharmlost dies als „Provokationen“, ganz so, als würde die Hisbollah nur Knallfrösche über die Grenze werfen.

Erst unlängst berichtete der KURIER über einen Vorfall im Gazastreifen unter der Überschrift: „Israelische Luftwaffe bombardiert Gazastreifen“, um dann erst im Text darauf hinzuweisen, dass die israelischen Luftschläge eine Reaktion auf zuvor aus dem Gazastreifen abgefeuerte Raketen waren (KURIER, 28. Nov. 2011). Der aktuelle Bericht über den Libanon vertauscht in der gleichen Art und Weise Ursache und Wirkung. Erneut folgt die Berichterstattung des KURIER somit einer absurden, aber leider nicht unüblichen Logik, deren Grundgedanke lautet: Die Israelis sind schuld, sie haben als erste zurückgeschossen.

 


Schreiben Sie einen Kommentar

Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar abzugeben.


Login