Die Katastrophe von Aleppo. Zehn Gründe, warum die Welt jetzt handeln muss

Von Julian Röpcke und Björn Stritzel

In Syrien kündigt sich ein Massenmord an, der selbst im sechsten Jahr des Aufstands gegen Diktator Baschar al-Assad alles bisherige Grauen in den Schatten stellen könnte – und die Welt schweigt. Truppen des Diktators und seiner Verbündeten haben die Großstadt Aleppo eingeschlossen. Aus der Luft bombardiert Putins Luftwaffe die Häuserblöcke unerbittlich weiter.

Aleppo

Luftangriff mit Streubomben auf eine Wohngegend in Aleppo

Nach Ruanda und Srebrenica wird Aleppo zum neuen, großen Symbol des Versagens westlicher Politik. Auch das Auswärtige Amt schweigt beharrlich zur aufziehenden Katastrophe. BILD nennt zehn Fakten zur Belagerung von Aleppo. Zehn Gründe, warum es ein Gebot der Menschlichkeit ist, endlich zu handeln und unzähligen ignorierten Forderungen endlich Taten folgen zu lassen.

1. Die Waffenruhe ist gescheitert

Seit dem 27. Februar gilt eine international vereinbarte Waffenruhe für Syrien. Bekämpft werden offiziell nur noch die Terrororganisationen Nusra-Front und ISIS. Was in der Nacht zum 12. Februar in München vorbereitet wurde, hat am 26. Februar der UN-Sicherheitsrat in New York beschlossen. Seitdem hat sich gezeigt: Vor allem Russland und das Assad-Regime führten die Welt ein weiteres Mal an der Nase herum. Einer kurzen Beruhigung der Lage folgte eine erneute Eskalation durch die Streitkräfte der beiden Parteien, die in Tausenden zivilen Opfern und nun der Einkesselung Aleppos mündete.

„Das Regime und Russland haben die Waffenruhe von Beginn als Möglichkeit gesehen, dann und dort weiterzukämpfen, wo es ihnen am besten passte“, sagte Jeff White von der Denkfabrik „Washington Institute“ zu BILD. „Kämpfe, wo du willst oder musst, lass dort die Waffen schweigen, wo du dich erholen oder neu sammeln musst.“ Militärisch sei die Waffenruhe „höchst irrelevant“, meint White. Politisch sei sie aber wichtig, da sie den Mythos einer „Errungenschaft“, die es zu „erhalten“ und zu „verteidigen“ gelte, geschaffen habe. White: „Dies widerspricht dem gesunden Menschenverstand zur tatsächlichen Situation, aber die USA und insbesondere Herr Kerry halten trotzdem weiter daran fest.“

Diese Einschätzung gilt auch für den deutschen Außenminister Steinmeier. Am 9. Mai sprach er davon, dass „inzwischen eine deutliche Beruhigung der Lage eingetreten“ sei. Die dreimonatige Offensive des Assad-Regimes und Russlands, die nun zur Einkesselung von 300 000 Menschen geführt hat, sah oder kommentierte, geschweige denn verurteilte, das Auswärtige Amt in Berlin zu keinem Zeitpunkt.

Der syrische Menschenrechts-Aktivist Mohamed Al Neser aus Aleppo sagte zu BILD, dass man weder Assad noch Putin trauen dürfe, wenn sie von Waffenruhen sprechen: „Vor ein paar Tagen hat Assad eine weitere Waffenruhe für Aleppo angekündigt. Zwei Stunden danach wurde der Belagerungsring um Aleppo von seinen Truppen geschlossen. Dies sollte der Welt zeigen, dass Assad keine Grenzen kennt und alle roten Linien überschreitet.“

 

2. Es droht ein Genozid

shiite militiaDie Mehrzahl der Eingeschlossenen in Aleppo sind Sunniten, während auf Seiten des Diktators Assad schiitische Milizen kämpfen. Diese verübten bereits im Nachbarland Irak schwerste Verbrechen an der sunnitischen Bevölkerung, zuletzt bei der Eroberung der Stadt Fallujah. Der Hass unter den Volksgruppen ist immens und weit verbreitet.

Auch in Syrien forcieren diese schiitischen Milizen den Konflikt anhand ethnisch-religiöser Linien und es sind vor allem diese Milizen aus den Nachbarländern, die Aleppo im Würgegriff haben. Es gebe ein paar Regime-Soldaten, aber die meisten Kämpfer, die Aleppo abschnüren, gehörten ausländischen Milizen an, sagt der Soldat Ward (Freie Syrische Armee, FSA), zu BILD. Darunter befänden sich die libanesische Hisbollah, die irakische Kataib Hisbollah, angeführt von iranischen Kommandeuren der Quds-Einheit. Außerdem sei seine syrische Rebellengruppe bei der Verteidigung Aleppos auf afghanische Kämpfer der Fatemiyoun-Brigade gestoßen, die ebenfalls vom Iran befehligt werden, sowie der Al-Quds-Brigade, eine palästinensische Einheit, die ebenfalls auf Seiten des Diktators Assad kämpft.

Die Einschätzung des FSA-Soldaten teilt Syrien-Experte Michael Horowitz von der Denkfabrik „Levantine Group“: „Pro-Regime-Kräfte, darunter iranisch unterstützte Milizen, die Hisbollah und eine palästinensische Miliz (…) schneiden die einzige Nachschublinie der Opposition in die Stadt ab“, erklärt der Experte im BILD-Gespräch. Assad und seine ausländischen Milizen seien aber nicht nur für Sunniten gefährlich, sagt der Aktivist Mohamed Al Neser zu BILD. „Alle Zivilisten in Orten außerhalb der von Assad und seinen Verbündeten gehaltenen Gebiete sind Feinde und damit zum Abschuss freigegeben.“

 

3. Eine Hungersnot ist unausweichlich

Laut Mohamed Al Neser, der selbst aus Aleppo stammt, leben heute noch etwa 300 000 Menschen in der Stadt. Die östlichen, von Rebellen gehaltenen Stadtteile seien bislang ausschließlich über die „Castello-Straße“ im Norden der Stadt erreichbar gewesen. Von allen anderen Himmelsrichtungen sei die Stadt schon seit Jahren von Assads Truppen eingekesselt. „Da es in Aleppo keinen Platz gibt, Nahrung anzupflanzen, bekamen die Menschen alle Nahrung und auch den Diesel über die letzte Zugangsstraße geliefert. Da diese bereits seit zwei Tagen geschlossen ist, gibt es jetzt einen Mangel an Gemüse und anderen frischen Lebensmitteln.“

Nahost-Experte Jeff White vom „Washington Institute“ glaubt zwar, dass die Menschen in der Stadt aus der langen Krisensituation gelernt und daher Vorräte angelegt haben. Dennoch ist auch er überzeugt: „Ich erwarte, dass sich die Belagerung lange hinzieht und die Auswirkungen über die Zeit wachsen werden.“ Aktivist Al Neser befürchtet, dass es außer Brot und Mehl wenig Vorräte in der Stadt gebe. „Da kein Ort in Aleppo sicher ist, haben die Hilfsorganisationen und die meisten Händler ihre Vorräte außerhalb der Stadt angelegt.“ Auch White ist sich sicher, dass die humanitäre Katastrophe in den nächsten Monaten soweit anwachsen wird, dass „einige Hilfslieferungen hineingelassen werden, die die Auswirkungen mindern könnten.“ Zu diesem Zeitpunkt könnte es aber für viele schon zu spät sein.

 

4. Russische Truppen unterstützen die Belagerung

Nasrallah - Rohani - Putin - AssadImmer wieder hatten der Westen und das deutsche Außenministerium betont, wie wichtig die Rolle Russlands bei der Befriedung des Konflikts sei. Russland müsse „auf Assad einwirken“, um die Lage zu beruhigen, sagte Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier immer wieder.

Die Realität sieht anders aus. Russische Kriegsflugzeuge und wohl auch russische Bodentruppen versetzten Assad und seine Truppen erst in die Lage, Hunderttausende Menschen einzukesseln und spielen nach Angaben von Aktivisten vor Ort eine Schlüsselrolle bei der Aufrechterhaltung des Kessels von Aleppo. Auf Videoaufnahmen sind modernste russische Kampfflugzeuge (Typ Suchoi Su-35) zu erkennen, die die Stadt und ihren letzten Zugang bombardieren. Nur die russische Luftwaffe setzt solche Flugzeuge in Syrien ein. Russland wirkt nicht mäßigend, sondern ist zum Garant für militärische Erfolge des Assad-Regimes geworden.

Ein Sprecher der von den USA unterstützten syrischen Rebellengruppe Fastaqem (Teil der „Freien Syrischen Armee“) betonte: „Seit vier Tagen ist die Castello-Straße abgeschnitten, die einzige Verbindungslinie nach Aleppo.“ Die Straße werde jetzt auch mit russischen Mehrfachraketenwerfern vom Typ BM-30 beschossen. „Sie feuern mit schweren Mörsergranaten und Raketen auf alles, was sich über die Straße bewegt.“

 

5. Einsatz von Streumunition und Brandbomben gegen Zivilisten

russia todayBei den Luftschlägen auf Aleppo und seine Vororte werden immer häufiger verbotene Waffen eingesetzt; Bomben, die von vielen Nationen geächtet wurden und in keinem Fall gegen Zivilisten eingesetzt werden dürfen. Dabei handelt es sich um Streubomben, die kurz vor ihrem Einschlag viele kleine Bomben loslassen, aber auch um Brandmunition, die mit Wasser nicht löschbar ist und alles verbrennt, mit dem sie in Kontakt kommt.

Viele syrische Aktivisten machen vor allem die russische Luftwaffe für die Angriffe verantwortlich. Syrien-Experte Jeff White hält es dagegen für schwierig, eindeutig zu sagen, ob Putin und Assad einen spezifischen Angriff ausgeführt hätten. Aber: „Attacken von beiden Luftwaffen mit allen möglichen Arten von Munition sind Teil der langanhaltenden bevölkerungszentrierten Operationsweise.“ Diese sei dazu gedacht, die Unterstützung der Bevölkerung für die Rebellen durch Gewalt zu beenden. Allerdings ist nicht bekannt, ob diese Strategie – neben den Tausenden zivilen Opfern der Angriffe – bislang Früchte getragen hat.

 

6. Die medizinische Versorgung bricht komplett zusammen

Die Versorgungslage in Aleppo ist seit Jahren katastrophal, doch vor allem die medizinische Versorgung steht vor dem Zusammenbruch. Ein Grund: Krankenhäuser und medizinisches Personal sind ein bevorzugtes Ziel der Armee des Diktators Assad und seiner Verbündeten. Immer wieder werden Kliniken bombardiert, Ärzte und anderes medizinisches Personal umgebracht. „Es ist skurril: In Aleppo lebst du sicherer, wenn du dich von den Krankenhäusern fernhältst“, sagte Dr. Abdulaziz vor einiger Zeit zu BILD, einer der letzten verbliebenen Ärzte von Aleppo. Seinen wirklichen Namen kann er nicht nennen, denn das Regime versucht gezielt, Ärzte wie ihn auszuschalten. Die Ärzte in Aleppo operieren deshalb alle unter Tarnnamen, auch die Untergrund-Krankenhäuser in Aleppo haben aus Sicherheitsgründen Code-Namen bekommen.

BILD erreichte Doktor Samer, der vorgestern noch in Aleppo behandelte, sich jetzt aber außerhalb der Stadt befindet. „Wenige Stunden nachdem ich ausreiste, wurde die Castello-Straße geschlossen“, sagte der Arzt zu BILD. „In den letzten Tagen musste ich sehr viele Patienten behandeln, die schwere Verletzungen durch die Luftangriffe erlitten hatten – durch Schrapnelle aufgerissene Wunden im Bauch, und Brustbereich, offene Brüche, Schädeltraumata. Wir mussten auch viele Amputationen durchführen.“

Doktor Samer, der die amerikanische Staatsbürgerschaft hat, ist als Freiwilliger nach Aleppo zurückgekehrt, um zu helfen. Besonders ein Fall hat ihn schockiert: „Ein fünf Jahre altes Mädchen wurde durch einen Luftangriff auf einen Marktplatz schwer verwundet.“ Die Nothelfer brachten das Mädchen zum Arzt – ein gefährliches Unterfangen, weil Assads Luftwaffe häufig dasselbe Ziel mehrmals nacheinander angreift, um die medizinischen Ersthelfer zu töten. Doktor Samer: „Ein Schrapnell hatte ihren Körper durchbohrt, wir brachten sie sofort in den Operationsraum. Ein großes Blutgefäß war durchtrennt, sie blutete immer weiter und wir hatten nicht genügend Transfusionen, um sie zu retten. Sie verblutete auf dem OP-Tisch.“

Seine Arbeit will Doktor Samer fortführen, auch wenn er nicht weiß, wann und ob er wieder nach Aleppo gelangen kann. „Niemand sonst hilft den Menschen. Unschuldige bluten wortwörtlich vor deinen Augen zu Tode und du kannst nichts tun. Aber wir hören nicht auf und versuchen, so viele Menschenleben wie möglich zu retten.“

 

7. Immer mehr Kinder unter den Opfern

childrenDie lokalen Koordinatoren versuchen, sämtliche Opfer in Syrien zu erfassen. Ihre Zahlen zeigen: Allein in den letzten Tagen wurden 36 Kinder getötet, die Mehrheit davon in Aleppo. Am 8. Juli wurden demnach neun Kinder getötet, am 9. Juli fünf Kinder, am 10. und 11. Juli wurden 22 Kinder getötet. 70 der insgesamt 98 Todesopfer am 10. und 11. Juli kamen in Aleppo ums Leben.

Durch den kompletten Einschluss von Menschen in Aleppo drohen Szenen wie im syrischen Madaya. Dort starben Kinder durch die Hungerblockade, die von Assads Soldaten und Kämpfern der Terrorgruppe Hisbollah über die Stadt verhängt worden war. Die Eingeschlossenen aßen anfangs Katzen und Hunde, später wurden Gras und Blätter gekocht, was zu Vergiftungserscheinungen führte. Während in Madaya knapp 40 000 Einwohner ausgehungert werden, befinden sich in Aleppo noch bis zu 300 000 Menschen – entsprechend höher könnte die Opferzahl unter der Zivilbevölkerung ausfallen.

 

8. Luftwaffe tötet Journalisten-Zeugen

In den vergangenen Tagen und Wochen wurden zunehmend Journalisten in und um Aleppo zum Ziel von Bombenattentaten und Luftangriffen. Am Montag tötete ein vermutlich russischer Luftangriff mit Streumunition 20 Zivilisten nahe der Stadt Termanen, westlich von Aleppo, darunter den Al-Jazeera-Journalisten Omar Ibrahim.

BILD erreichte den bekannten syrischen Journalisten Hadi Abdullah, der Mitte Juni selbst Opfer eines Luftangriffs und kurz darauf eines Bombenattentats wurde, beides aber überlebte. Sein Freund und Kollege Khaled al-Issa starb bei dem Bombenanschlag. Abdullah sagte zu BILD, Assad und die mit ihm verbündete russische Luftwaffe „greifen Journalisten an, um ihre Kriegsverbrechen zu verschleiern. Darum ist Omar Ibrahim getötet worden.“ Ebenfalls am Montag wurde der syrische Journalist Louay Barakat bei einem Luftangriff im Zentrum Aleppos verletzt. Er arbeitet für die Buraq Media Foundation, eine syrische Medienorganisation mit Reportern in den von der Opposition gehaltenen Gebieten des Landes.

 

9. Radikalisierung und Zulauf zu ISIS

Werden die letzten Rebellengruppen in Aleppo besiegt und die Bevölkerung schutzlos dem Assad-Regime und den schiitischen Milizen ausgeliefert, so droht eine weitere Radikalisierung der Bevölkerung. Diese könnte zu der Überzeugung gelangen, nur noch bei den Dschihadisten von ISIS Schutz zu finden. Dies bestätigte Abu al-Majed, Kommandeur der Rebellengruppe Faylaq al-Sham in Aleppo. Zu BILD sagte er: „Die Situation ist unerträglich, durch die Bombardierung der Castello-Straße können die Zivilisten und Verwundeten in Aleppo nicht mehr versorgt werden.“ Die Straße werde 24 Stunden am Tag bombardiert, von Scharfschützen und Kampfflugzeugen angegriffen.

„Wir sind die Lügen der internationalen Gemeinschaft und der großen Staaten leid, die behaupten, sie sorge sich um den Schutz der Zivilisten“, sagte der Kommandeur zu BILD. „Wir brauchen keine finanzielle Unterstützung oder medizinische Versorgung, wir brauchen Luftabwehrwaffen gegen die Flugzeuge, die diese Straße bombardieren. Das ist das Einzige, was uns helfen wird.“ Bislang aber ist der Westen zurückhaltend, wenn es um die Lieferung etwa von schultergestützten Luftabwehrwaffen an die Rebellen geht – zu groß ist die Sorge, dass diese in die Hände dschihadistischer Gruppen gelangen könnten.

Sollte das Sterben weitergehen, so würden die Menschen versuchen, in das von ISIS kontrollierte Gebiet fliehen, meint Abu al-Majed. „Dort ist es dann für sie sicherer.“ Bereits im Frühjahr dieses Jahres mussten sich Kämpfer syrischer Rebellenfraktionen mitsamt ihren Familien ergeben, da sie an zwei Fronten gegen ISIS und das Assad-Regime kämpften. Der Vormarsch des Assad-Regimes und seiner schiitischen Verbündeten treibe diejenigen Sunniten, die flüchten können, dann also direkt in die Arme der Terrormiliz, die dadurch personell anwachse.

 

10. Verschärfung der Flüchtlingskrise

refugeesEine weitere Folge des Belagerungsrings um Aleppo wäre eine Verschärfung der Flüchtlingskrise. Bereits in den vergangenen Monaten sind mehrere Zehntausende Aleppiner vor den Schergen des Assad-Regimes und den russischen Bomben in den Norden Syriens an die Grenze zur Türkei geflüchtet. Die Türkei jedoch lässt ihre Grenzen geschlossen und verweist darauf, dass sie bereits 2,5 bis drei Millionen syrische Flüchtlinge aufgenommen hat. Die Flüchtlinge aus Aleppo werden nun in notdürftigen Lagern nahe der syrisch-türkischen Grenze versorgt.

Fiele Aleppo komplett in die Hand des Assad-Regimes und der mit ihm verbündeten Milizen, wären auch die Flüchtlingslager im Norden noch stärker bedroht. Die Zehntausenden Flüchtlinge würden unter weiteren Druck geraten, weiter nach Norden in die Türkei zu fliehen.

Der komplette Fall von Aleppo hätte zudem eine psychologische Komponente: Würde die bedeutendste von der syrischen Opposition gehaltene Stadt an das Assad-Regime fallen, wäre dies ein verheerendes Signal an die Millionen Syrer in den Flüchtlingslagern in der Türkei, im Libanon und in Jordanien. Ihre Hoffnungen auf eine Rückkehr nach Syrien ohne Diktator Assad wären auf lange Zeit zerschlagen. Es gäbe für sie wenig Grund, weiter in den Flüchtlingslagern ohne Aussicht auf Verbesserung zu warten. Viele dürften dann die gefährliche Reise über das Mittelmeer nach Europa antreten.

 

Die Welt muss jetzt handeln

Die Belagerung Aleppos ist erst seit Samstagabend (9. Juli 2016) komplett. Doch das Unheil hatte sich über Monate angekündigt, ohne dass die Regierungen Europas, Nordamerikas und des Nahes Ostens etwas dagegen unternommen haben. Die Welt hat die Massenmorde und das unsägliche Leid von Srebrenica und Ruanda geschehen lassen und sich geschworen: nie wieder. Und doch läuft sie sehenden Auges in eine weitere humanitäre Katastrophe, die alles Dagewesene in Syrien in den Schatten stellen könnte. Aber es ist noch nicht zu spät, nun ein Zeichen der Entschlossenheit zu setzen. Das Signal an Assad und Putin muss lauten: Bis hierhin und nicht weiter!

  • Der humanitäre Zugang zu den 300 000 Eingeschlossenen von Aleppo muss umgehend wieder gewährleistet werden.
  • Hilfskonvois für die Not leidende Bevölkerung dürfen nicht länger von den Luftwaffen der beiden Präsidenten angegriffen werden.
  • Und die tägliche gezielte Bombardierung von Männern, Frauen und Kinder in und um Aleppo muss aufhören. Sofort.

Diese Minimalforderungen der Menschlichkeit, denen alle Beteiligten vor den Vereinten Nationen zugestimmt haben, müssen die Konfliktparteien erfüllen. Wenn sie das nicht tun, muss die Welt zeigen, dass sie bereit ist, die grundlegenden Menschenrechte zu verteidigen. Und dies mit allen vorhandenen und dazu notwendigen Mitteln.

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