Frauenfahrverbot: Eine Niederlage des konservativen Establishments

„Die saudi-arabische Entscheidung, Frauen nicht länger das Autofahren zu verbieten, wirft eine Vielzahl an Fragen auf, die über den Komplex der Frauenrechte hinausgehen und an den fundamentalen Status der religiösen Gelehrten des Königreichs und ihren Einfluss auf die konservative Opposition gegen die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Reformen des Kronprinzen Mohammed bin Salman rühren. Auch im Falle ihrer Befürwortung der Verbotaufhebung hat Prinz Mohammed den Gelehrten, die sich lange gegen eine Liberalisierung der strengen religiösen und sozialen Maßgaben  – die auf den aus dem 18. Jahrhundert stammenden Lehren des ultrakonservativen Predigers Mohammed ibn Abdul al-Wahhab und der Beduinenkultur beruhen – gewehrt haben, sicherlich seinen Willen aufgezwungen. Als sei das nicht schlimm genug, erlaubte die saudi-arabische Schura, die Beratende Versammlung, nur Tage später Frauen erstmals das Erlassen von Fatwas, von religiösen Urteilen – seit langer Zeit ein Vorrecht der männlichen muslimischen Gelehrten. (…) Mit Blick auf die Aufhebung des Verbots argumentierte die Islamwissenschaftlerin Haifaa Jawad, dass ‚die saudischen Religionsgelehrten zweifelsfrei die größten Verlierer sind – ihre Legitimation wird jetzt von Millionen Muslimen im Königreich und darüber hinaus infrage gestellt werden.’ (…) Diesmal hat Prinz Mohammed sichergestellt, dass die Ultrakonservativen sich zurückhalten, indem er in den vergangenen Wochen Dutzende Gelehrte, Richter und Intellektuelle, deren Einstellungen von ultrakonservativ bis liberal reichen, festnehmen ließ. (…)

Um sicherzustellen, dass die saudische Jugend, die mehr als die Hälfte der Bevölkerung ausmacht, seine Reformen weiterhin unterstützt, sowie um möglicher Opposition entgegenzutreten, muss Prinz Mohammed einerseits Erwartungen wecken, was er bislang nicht getan hat, und andererseits seine Versprechen einlösen. Die Aufhebung des Fahrverbots und Dutzende Unterhaltungsveranstaltungen tragen dem gesellschaftlich Rechnung, doch wird es gleichermaßen wichtig sein, der saudischen Jugend Arbeit, Aufstiegschancen und Karrieremöglichkeiten zu bieten. Da die Saudis allmählich spüren, was die vom Prinzen vorgenommene einseitige Aufkündigung des Gesellschaftsvertrags, der im Gegenzug für die Preisgabe politischer Rechte und die Hinnahme ultrakonservativer moralischer und sozialer Standards Wohlfahrt von der Wiege bis zur Bahre bot, sie kosten wird, ist dies jedoch leichter gesagt als getan. Prinz Mohammed ist gezwungen gewesen, bestimmte Vergünstigungen wieder einzuführen, die im Rahmen eines Sparprogramms gestrichen worden waren, in dessen Folge Preise, inbesondere für Wohnnebenkosten in die Höhe schossen. (…)

Zudem muss der Prinz sich fragen, ob und wann das ultrakonservative religiöse Establishment womöglich zu dem Schluss kommen könnte, dass der Preis, den es für sein Schweigen und seine Unterstützung der Reformen zu entrichten hat, höher ist als jener, der damit verbunden wäre, sich ihnen entgegenzustellen. Diese Entscheidung könnte durch die Fähigkeit der Gelehrten beeinflusst werden, Verbündete innerhalb der Herrscherfamilie zu finden, die Prinz Mohammed Berichten zufolge kritisch gegenüberstehen.“ (James M. Dorsey: „Women’s driving: Saudi ultra-conservatives lick their wounds“)

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