Der „Sündenbock für alle Miseren der islamischen Welt“

Israelis Auschwitz

Jugendliche mit israelischen Flaggen in Auschwitz

Israel war für mich schon nach wenigen Tagen Aufenthalt nicht mehr das, was ich kennengelernt hatte aus meinem Umfeld und in meiner Sozialisation. Für mich und die Freunde meiner Kindheit und Jugend war Israel nichts anderes als eine Besatzungsmacht und vor allem eine Projektionsfläche für Wut und Aggressionen. Alleine schon das Wort ‚Israel‘ zu hören oder die israelische Flagge zu sehen, hat in uns so viel Hass ausgelöst, dass jede Diskussion unter uns immer mit Beleidigungen und Gewaltfantasien bis hin zur Zerstörung Israels endete. Auch in den Jahren meiner pädagogischen Arbeit mit muslimischen Jugendlichen zum Holocaust habe ich gemerkt, dass Israel die Projektionsfläche für viele negative Emotionen ist und als Sündenbock für alle Miseren der islamischen Welt hinhalten muss, sei es für die Analphabetenquote in Ägypten (40%) oder für das Wüten des Islamischen Staates, der für eine Erfindung der Juden gehalten wird, um Terror in muslimischen Ländern zu stiften. Sprach ich in unserem Projekt mit den Jugendlichen anfänglich über Israel, merkte ich schnell: In Bezug auf Israel und den Nahostkonflikt gibt es kaum Wissen, dafür aber jede Menge explosive Emotionen. (…)

Bei der ersten Auschwitzfahrt, die wir im Projekt ‚Junge Muslime in Auschwitz‘ im Jahr 2011 organisierten, waren während unserer Führung in Birkenau viele Gruppen aus Israel dort mit ihren Flaggen um die Schultern gebunden. Viele Teilnehmer unseres Projektes hat das so sehr aufgewühlt, dass sie sich nicht mehr auf die Führung konzentrieren konnten und auch für den Tag nicht mehr zugänglich waren. Das erste Mal in ihrem Leben sahen sie Israelis. Ein Jugendlicher beschrieb seine Reaktion wie folgt: ‚Als ich die Flaggen sah, sah ich nicht mehr die jüdischen Opfer als Häftlinge in meiner Fantasie- plötzlich waren die Besatzer da. Es war so, als würden diese Flaggen den Nahostkonflikt und das Leid meiner Eltern (die aus dem Libanon stammen) nach Auschwitz transportieren. Genau an dem Ort, wo ich mal nicht über Israel und Palästina nachdenken wollte, aber dann doch musste. Einerseits habe ich ganz viel Trauer gefühlt für die jüdischen Opfer, die hier im Lager starben, aber auf einmal war durch diese Flaggen dieser Hass auch wieder da. Ich wusste nicht mehr, was ich denken sollte. Mein Kopf spielte völlig verrückt.‘ Der Schock der ersten Begegnung saß für ihn so tief, dass ganz viele Emotionen ausgelöst wurden, die ihn wie eine Lawine überrollten.

Als wir genau dieses Erlebnis in mehreren Sitzungen aufgearbeitet haben, begriffen unsere Teilnehmer, was dieser Ort jungen Juden und Israelis bedeuten muss. Wochenlang haben wir über diese Situation gesprochen und auch heute noch, fünf Jahre danach, reden wir darüber. Einige der Teilnehmer konnten diese Gefühle überwinden und haben sich getraut die Israelis anzusprechen, auch wenn diese Gespräche sehr kurz und oberflächlich waren, aber alleine dass sie stattgefunden haben, war für sie ein großer Erfolg. In der Reflexion sagte derselbe Jugendliche später: ‚Ich glaube, die Flagge gibt ihnen Sicherheit. Ich würde mich auch an etwas klammern wollen, das mir Halt gibt an diesem grausamen Ort- gerade wenn ich betroffen wäre. Vielleicht ist diese Flagge für sie in Auschwitz das Symbol für Hoffnung und Überleben.‘ Zum ersten Mal in seinem Leben tauchte in Bezug auf die israelische Flagge eine andere Emotion auf als die der Wut.

(Burak Yilmaz über seine Arbeit mit muslimischen Jugendlichen: „Für viele Muslime gibt es Israel nicht“.)

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