„Die Steuerung des Islam aus dem Ausland ist fatal“

„Manche von [den islamistischen Gewalttätern] waren Drogendealer oder Räuber, manche haben Alkohol getrunken. Das aber heißt nicht, dass sie nicht religiös wären. Für sie ist entscheidend, dass sie durch beispielsweise salafistische Überzeugungen überlegene Menschen geworden sind. Sich selbst definieren sie nicht durch ihre kriminellen Taten, sondern durch die Abwertung anderer Lebensweisen, vor allem der westlichen. Entscheidend ist für sie ihre Lehre, eine genuin religiöse Lehre, während es auf religiöse Praxis im Sinne eines guten und gesetzestreuen Lebenswandels kaum ankommt. Das gilt vor allem deshalb, weil sie sich im Kriegszustand wähnen – wo ja andere Rechtsregeln gelten. (…) Sie meinen, dass Europa und die USA allen Muslimen den Krieg erklärt hätten und und sie unterdrücken, demütigen und vernichten wollten. Deshalb sei der Schutz der Muslime die höchste religiöse Aufgabe. Die könne man auch dadurch erfüllen, dass man den westlichen Staaten schadet. Sodass sich also das sozial schädliche Handeln dieser Kriminellen religiös durchaus legitimieren lässt. (…)

Fast alle haben einen Flucht- oder Migrationshintergrund. Sie spürten in der Diaspora das Bedürfnis nach persönlicher Aufwertung. Bei manchen spielten dabei persönliche Gründe eine Rolle, aber viel größeres Gewicht scheint ihre Sicht auf die Lage der muslimisch geprägten Staaten zu haben, aus denen sie stammen. Diese Lage ist so miserabel, dass sich die jungen Männern als Angehörige jener Staaten den Europäern unterlegen fühlen – und dann entdecken sie die Religion. Der entnehmen sie erstens, die Muslime befänden sich im Krieg mit ‚Ungläubigen‘, sodass also die westlichen Staaten für die trostlose Lage der islamischen Staaten verantwortlich wären. Und zweitens hilft ihnen die Religion, sich den Europäern überlegen zu fühlen, und zwar umso mehr, je intensiver diese Männer sich mit dem Islam befassen. (…) Sie fühlen sich ausgegrenzt, wenn sie anfangen, sich als gläubige Muslime zu erkennen zu geben. Diese Diskriminierungserfahrung dann wird wiederum theologisch gedeutet: Ich werde ausgegrenzt, weil ich Moslem bin, und deshalb ist es Gottes Wille, für den Islam und gegen den Westen zu kämpfen. Zugleich verschafft man sich Anerkennung, wenn man in islamischen Zirkeln betont religiös redet, die angebliche Unterdrückung aller Muslime anprangert und sich als Kämpfer für die islamische Sache präsentiert.“ Interview mit Ednan Aslan: „Die Steuerung des Islams aus dem Ausland ist fatal“)

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