Der muslimische Antisemitismus wird verharmlost

„Ja, Antisemitismus ist ein herkunftsübergreifendes Phänomen, das man links, rechts und in der Mitte dieser Gesellschaft findet. Jedoch verdient der muslimische und vor allem anti-israelische Antisemitismus besondere Erwähnung, da er andere Ursprünge hat – und da er immer noch inkonsequent bis verharmlosend diskutiert wird. Arabischer oder türkischer Antisemitismus kennt nicht die Hemmung der Deutschen im Umgang mit Juden. Vielmehr ist er Teil des Alltags, Teil der infantilen, religiösen und politischen Haltung in vielen Familien, Teil der medialen Propaganda in den Sendern der Herkunftsländer, die heute jedermann über Satellit oder Internet auch in Deutschland empfangen kann. Dieser Antisemitismus, in den Herkunftsländern wie in der Diaspora, ist frecher, dreister und emotionaler, als der verhohlene deutsche. Nicht zu Unrecht haben Juden in Deutschland, in Europa vor ihm Angst. (…) Zum muslimischen Antisemitismus der Gegenwart gehören teils abstruse, Verschwörungstheorien. Dutzende Male haben mich Schülerinnen und Schüler, Jugendliche in meiner Arbeit mit Gruppen gefragt, warum Juden in Deutschland keine Steuern zahlen – Hunderttausende sind von solchem Unsinn überzeigt. Ebenso wie sie glauben, dass alle großen Konzerne oder Handelsketten, Lidl, Aldi, Saturn, Media Markt allein im Besitz von Juden sind.

Oft sind sie erstaunt, dass ein palästinensischer Israeli wie ich überhaupt in Israel zur Schule gehen und studieren durfte – es ist ihnen nicht bekannt, dass das normal ist. Begriffe wie „Illuminati“ oder „Freimaurer“ mit Bezug auf Juden sind unter Jugendlichen weit verbreitet. Sie verstehen darunter eine Art geheimer, jüdischer Weltmacht, in deren Händen die Allmacht über Finanzen und Weltgeschehen liegt. Laut diesen kruden Theorien werden sämtliche Kriege von Juden angezettelt – aus reinem Eigennutz. (…) Für muslimische Jugendliche spielt der Nahostkonflikt bei alledem eine Hauptrolle, ihr antizionistischer Antisemitismus unterscheidet kaum zwischen Israelis und Juden. Kommt das Thema auf, wird die Stimmung oft rasch aggressiv, Klischees treten deutlich zutage, jenseits von zeithistorischem Wissen, jenseits jedweder informierter Reflexion. Juden geben in den Narrativen ein bewährtes Feindbild ab, Palästinenser, Muslime überhaupt, sind stets Opfer, nie Täter. So kommt es, dass Hunderttausende Muslime während des Gazakrieges auf die Straßen gingen, sich aber dieselben Leute kaum empörten, als wenige Monate später der IS seinen Völkermord in Syrien begann.“ (Ahmad Mansour: „Der muslimische Antisemitismus wird aus Angst vor Rassismus-Vorwürfen verharmlost“)

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