Der Günter Grass der Politikwissenschaft

Der »Nahostexperte« Michael Lüders hat ein Iran-Buch geschrieben, das an Perfidie kaum zu überbieten ist.

von Stephan Grigat

Der Politik- und Islamwissenschaftler Michael Lüders hat das Auswärtige Amt, das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung und die Friedrich-Ebert-Stiftung beraten. Er schreibt in fast allen wichtigen deutschsprachigen Zeitungen und wird von einer Fernsehsendung in die nächste gereicht. Nichtsdestotrotz schafft er es ein ganzes Buch lang, sich und seine Positionen als gesellschaftlich marginalisiert darzustellen. Allen Ernstes behauptet er, in Deutschland würden »die meisten Politiker und Meinungsmacher einem Irankrieg leichtfertig das Wort« reden.

Mehrfach beklagt er die »Dämonisierung der Islamischen Republik«. Als Beleg für diese aberwitzige Charakterisierung der deutschsprachigen Debatte über den Iran führt er die Vorwürfe gegen das iranische Regime an, es unterstütze terroristische Organisationen, baue an einer Atombombe und sabotiere den Friedensprozess im Nahen Osten. Das kann man nur verstehen, wenn man weiß, dass Lüders Hamas und Hizbollah, von denen er selbst schreibt, dass sie vom iranischen Regime unterstützt werden, offensichtlich nicht für terroristische Organisationen hält; dass er den sogenannten Friedensprozess nicht durch den vom Iran finanzierten antisemitischen Terror, sondern durch die »verfehlte« Politik Israels »sabotiert« sieht; und dass er an ein Atomwaffenprogramm des Iran erst dann glauben mag, wenn man ihm die »rauchenden Colts« zeigt, also wenn es zu spät ist, den Griff der Ayatollahs und der Pasdaran nach der Bombe zu verhindern.

Als besonders üble Form der »Dämonisierung« des iranischen Regimes gelten ihm die Hinweise auf den Märtyrerkult der Islamisten: »Kriegsapologeten konstruieren gerne eine ›Todessehnsucht‹ iranischer Schiiten«. Doch solche »›Todes­sehnsucht‹-Projektionen« seien »völlig unzutreffend« und »eine Vogelscheuche aus dem Fundus der Islamophobie«. Wenige Seiten später weist er jedoch selbst auf die Tausenden Freiwilligen hin, die genau wegen dieses Märtyrerkultes im Iran-Irak-Krieg als lebende Minenräumkommandos verheizt wurden – mit einem Plastikschlüssel um den Hals, der ihnen das Tor zum Paradies öffnen sollte. Wenig später warnt er vor »Zehntausenden«, die im Iran bereit stünden, um »als Selbstmordattentäter für ihr Land in den Tod zu gehen.«

Wie alle, die von einer »Dämonisierung« des Mullah-Regimes sprechen, beteiligt sich Lüders an der Verharmlosung des Khomeinismus. Die wiederholten und offenen Vernichtungsdrohungen gegen den Staat der Shoa-Überlebenden und ihrer Nachkommen werden bei ihm zu »unverantwortlicher Rhetorik«, die zu »Missverständnissen« einlade. Er analysiert den Hass auf Israel nicht als eines der zentralen Elemente der khomeinistischen Ideologie, sondern verniedlicht ihn zur »instrumentellen Dämonisierung«. Wer auf die Vernichtungsphantasien des iranischen Regimes und seiner Verbündeten hinweist, bekommt von Lüders »eine gehörige Portion projektiver Wahrnehmung« attestiert.

Ziel des iranischen Regimes sei nicht die »›Vernichtung‹ Israels«, sondern lediglich »ein neu zu schaffender Staat ›Palästina‹ ohne jüdische Vorherrschaft über Araber und Muslime.« Was natürlich eine viel schönere Umschreibung für die Zerstörung Israels ist als jene Worte des Generalstabschefs der iranischen Armee, Hassan Firouzabadi, der laut der vom iranischen Regime kontrollierten Nachrichtenagentur Fars News am 20. Mai ganz undiplomatisch »the full annihilation of the Zionist regime of Israel« abermals als Ziel der Islamischen Republik proklamierte, oder auch die erneute Klarstellung des Obersten Geistlichen Führers Ali Khamenei, der ebenfalls laut Fars News das »zionistische Regime« zum wiederholten Male als »cancerous tumor that should be cut and will be cut« bezeichnete.

Lüders behauptet in seiner Kampfschrift zum Wohle der Mullahs, es sei gar nicht erwiesen, dass die Machthaber in Teheran ein Nuklearwaffenprogramm betreiben. Redundant wiederholt er, dass man im Irak schließlich auch keine Massenvernichtungswaffen gefunden habe – und vergisst zu erwähnen, dass mit der IAEO heute genau jene Institution, die den USA vor dem Irakkrieg scharf und öffentlich widersprochen hat, nachdrücklich vor dem iranischen Atomprogramm warnt.

Lüders bietet das gesamte Arsenal der Schönrednerei auf: vom Verweis auf die im Iran lebenden Juden, von denen er fälschlicherweise behauptet, »die Grenzen der Freiheit«, denen sie sich ausgesetzt sehen, seien »dieselben, die auch für die übrigen Iraner gelten«, bis zur selektiven Bezugnahme auf die selektive Darstellung US-amerikanischer Geheimdienstberichte und die Äußerungen ehemaliger israelischer Geheimdienstler in deutschsprachigen Medien. Wo ihm die Verzerrung der Realität oder eine selektive Wahrnehmung nicht mehr weiterhilft, verlegt Lüders sich auf falsche Behauptungen, etwa wenn er wahrheitswidrig schreibt, das proisraelische American Israel Public Affairs Committee (AIPAC) trete »für ein Großisrael ein« und stehe für die »prinzipielle Ablehnung eines palästinensischen Staates«. Hinsichtlich der Vorgeschichte der israelischen Staatsgründung phantasiert er: »Bereits in den 1920er Jahren setzte sich der sogenannte ›Revisionismus‹ innerhalb der jüdischen Frühgemeinschaft in Palästina durch.« Zur Erinnerung: Erst bei den Wahlen 1977 erhielt die ursprünglich als »revisionistisch« bezeichnete Strömung des Zionismus mit dem Wahlsieg Menachem Begins erstmals eine Mehrheit.

Die Hauptthese seines, wie es im Klappentext heißt, »mutigen Plädoyers« ist an Niedertracht kaum zu überbieten: »Der Krieg gegen den Iran ist in erster Linie Israels Krieg. Israels Führung und die Israel-Lobby wollen ihn.« Weil er diese Imagination, wonach die Kriegshetzer auf jüdischer Seite zu finden seien, einem für derartiges stets empfänglichen deutschsprachigen Publikum verkaufen möchte, muss er von sämtlichen Bemühungen Israels und seiner Unterstützer schweigen, seit der Regierungszeit von Jitzchak Rabin Anfang der neunziger Jahre die Welt davon zu überzeugen, dass das iranische Regime mit nichtmilitärischen Mitteln am Bau von Atombomben gehindert werden muss und vermutlich auch gehindert werden kann. Von besonderer Perfidie ist das, da Lüders sich selbst aktiv gegen alle nichtmilitärischen Maßnahmen gegen das Regime aus Ayatollahs und Pasdaran einsetzt.

Lüders sitzt im Beirat des Nah- und Mittelost-Vereins (NUMOV), einem der wichtigsten Unternehmenszusammenschlüsse, der bereits seit 1934 die Interessen der deutschen Wirtschaft in der Region vertritt. Insofern könnte man auch ohne Lektüre seines Bändchen wissen, was Lüders von Sanktionen gegen das iranische Regime hält: Sie seien »ein erkennbar falscher Schritt in die falsche Richtung«. In völliger Verdrehung der Realität behauptet er, die deutsche Iranpolitik der vergangenen Jahre sei »von vorauseilendem Gehorsam« gegenüber den Befürwortern scharfer Sanktionen geprägt gewesen. Er will seine Leser Glauben machen, die Bundesregierung unternehme »seit Jahren alles in ihrer Macht Stehende, um die wirtschaftliche Kooperation auf ein Minimum zu beschränken«. Deutsche Unternehmen haben aber trotz aller Sanktionen auch im vorigen Jahr Geschäfte mit dem Iran in einem Umfang von mehr als drei Milliarden Euro abgewickelt.

Lüders stößt sich am »Sonderstatus« Israels und will den Nahen und Mittleren Osten in eine »atomwaffenfreie Zone« verwandeln, was nichts anderes meint, als dass Israel sich seiner Abschreckungskapazitäten entledigen soll. Insofern ist es keine Überraschung, dass er bei seinen kurz gehaltenen Literaturempfehlungen so gut wie nichts von der deutsch- oder englischsprachigen Standardliteratur zum Iran erwähnt, seinen Lesern aber israelische Stichwortgeber für die ressentimentgeladene deutschsprachige Nahostdebatte wie Avraham Burg, Shlomo Sand und selbst noch den radikalen Antizionisten Ilan Pappe ans Herz legt, Evelyn Hecht-Galinskis Machwerk »Israel darf alles« empfiehlt und sich in seiner Argumentation auf eines der Lieblingsbücher aller Antisemiten stützt, auf Stephan Walts und John Mearsheimers Buch »Die Israel-Lobby«.

Lüders, der fast zehn Jahre lang als Nahostkorrespondent für die Zeit tätig war, unterstellt den von ihm Kritisierten eine »projektive Sicht auf die Wirklichkeit«, leidet aber offensichtlich selbst an Realitätsverlust, etwa wenn er meint, aktive Politiker würden in Deutschland »so gut wie nie offen Israel kritisieren«. Ähnlich wie bei Günter Grass artikuliert sich das Ressentiment gegen die Wehrhaftigkeit des Zionismus bei ihm in der Selbstinszenierung als heldenhafter Einzelkämpfer gegen einen imaginierten gesellschaftlichen Mainstream. Ganz so wie Grass wendet sich Lüders gegen die Lieferung deutscher U-Boote an Israel und wettert als verfolgende Unschuld gegen die »Nibelungentreue« des Rechtsnachfolgers des Nationalsozialismus gegenüber dem jüdischen Staat, gegen »Kriegsapostel« und gegen die »Jünger der Bewegung ›Israelkritik-ist-der-neue-Antisemitismus‹«. Und wie Grass will er das als Sorge um die Zukunft Israels verstanden wissen. Kein Wunder, dass solch ein Elaborat in Deutschland ein Verkaufsschlager ist und etwa von Franziska Augstein in der Süddeutschen Zeitung als »ein exzellentes Buch« angepriesen wird.

Der Wirtschafts- und Politikberater setzt auf »Wandel durch Annäherung« und betont die »legitimen Sicherheitsinteressen« der khomeinistischen Diktatur, was nichts anderes bedeutet, als dass Lüders sich spielend damit abfinden kann, dass dieses Regime bis in alle Ewigkeit bestehen bleibt. Folgerichtig fordert er »Sicherheitsgarantien« für den Iran – also genau das, was die Machthaber in Teheran seit Jahren verlangen. Lüders baut sich einen Popanz auf, gegen den er wortgewaltig zu Felde zieht: Er behauptet, »die Befürworter des Irankrieges« gingen davon aus, eine militärische Intervention sei ein Spaziergang, außerdem würde das Regime gleich noch mitgestürzt und die iranische Freiheitsbewegung könne so die Macht erringen. Mit der Realität der israelischen Debatte über die Gefahren, die jegliches Vorgehen gegen die iranische Bedrohung mit sich bringt, hat diese ressentimenthafte Darstellung nichts zu tun. Vom Standpunkt des Beschützers des Völkerrechts geht es ihm um die Diskreditierung des Zionismus als kriegslüsterne »Großisraelideologie« und um die Delegitimierung der israelischen Selbstverteidigung. Um das zu erreichen, schweigt er nicht nur vom 20 Jahre währenden, weitgehend erfolglosen Bemühen der Israelis, die Welt von der Notwendigkeit eines konsequenten nichtmilitärischen Vorgehens gegen das iranische Nuklearwaffenprogramm zu überzeugen, sondern auch davon, dass das iranische Regime bereits seit 1979 Krieg führt: einen verdeckten gegen Israel, einen ganz offenen gegen die iranische Bevölkerung.

Michael Lüders: Iran: Der falsche Krieg. Wie der Westen seine Zukunft verspielt. C.H. Beck, München 2012, 175 Seiten, 14,90 Euro


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