Dem Phänomen des Fundamentalismus ist die Bertelsmann-Studie ausgewichen

„Die Studie ‚Muslime in Europa. Integriert, aber nicht akzeptiert?‘ geisterte erfolgreich durch die Medien. Die Zeit titelte: ‚Integriert, aber nicht gern gesehen‘. Die FAZ: ‚Die Integration klappt, die Akzeptanz fehlt‘. Zahlen, zumal von einer angesehenen Stiftung, haben erst einmal eine gewaltige Überzeugungskraft. Bei genauerer Betrachtung fällt aber auf, dass die Studie einseitig gemacht und das Bild auf die Integration der Muslime geschönt ist. (…) Auch die Fragen der Bertelsmann-Stiftung zur Religion tragen wenig zur Klärung bei, wie gut Muslime in Deutschland integriert sind. ‚Wie häufig meditieren Sie?‘, wurde etwa gefragt, oder ‚Wie oft haben Sie das Gefühl, mit allem eins zu sein?‘. Es klingt eher nach einem Einstiegsfragebogen für ein esoterisches Seminar.

Koopmans [Professor für Soziologie und Migrationsforschung an der Berliner Humboldt-Universität] sagt: ‚Daran, wie oft ein Muslim in die Moschee geht oder betet, lässt sich Fundamentalismus nicht erkennen. Um das herauszufinden, hätte man Fragen zum Glaubensbekenntnis stellen müssen.‘ Das macht die Studie nicht (…) Von den rund 4,7 Millionen Muslimen in Deutschland kommen 59 Prozent aus der Türkei. Die Universität Münster hat im vergangenen Jahr eine Studie zur Integration von türkischstämmigen Menschen in Deutschland gemacht. Sie wirft auf die Integration ein etwas anderes Licht. So stehen 47 Prozent der Befragten hinter der Aussage: ‚Die Befolgung der Gebote meiner Religion ist für mich wichtiger als die Gesetze des Staates, in dem ich lebe.‘ 32 Prozent denken: ‚Muslime sollten die Rückkehr zu einer Gesellschaftsordnung wie zu Zeiten des Propheten Mohammeds anstreben.‘ 23 Prozent sind der Ansicht, Muslime sollten es vermeiden, dem anderen Geschlecht die Hand zu schütteln. 21 Prozent bezeichnen ihre Haltung zu Juden als ‚sehr negativ‘ oder ‚eher negativ‘. Dem Phänomen des Fundamentalismus, das sich in solchen Aussagen einfangen lässt, ist die Bertelsmann-Stiftung ausgewichen. Ihre Schlagzeile hätte sonst kaum funktioniert.“ (Benedict Neff: „Die schöne Welt von Bertelsmann“)

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