Das schmutzige Geheimnis um Afrikas Armut

(von Volker Seitz) Die oft zitierte «afrikanische Mittelklasse» ist extrem klein und wächst allenfalls längerfristig. Mittelschicht in Afrika heißt, dass endlich Grundbedürfnisse wie Trinkwasser und Strom wenigstens mehrere Stunden am Tag befriedigt werden. Trotzdem muss noch ein erheblichen Teil des Einkommens für das Schmieren von Behörden ausgegeben werden. Die Herausbildung von Mittelschichten und die Etablierung von Schulsystemen, die soziale und berufliche Mobilität erst ermöglichten, lassen zu lange auf sich warten. In Afrika haben die meisten Menschen bis heute keine regulär bezahlte Arbeit. Sie verdienen ihren Lebensunterhalt überwiegend im informellen Sektor – also außerhalb aller sozialen Sicherungssysteme. Es gibt so gut wie keine nennenswerte mittlere Schicht aus Selbstständigen und qualifizierten Angestellten.

Jeder definiert „Mittelklasse“ anders Die African Development Bank definiert die angebliche Schicht optimistisch als Personengruppe mit einem täglichen Einkommen zwischen 2 US $ und 15 US $. Schaut man die Analysen genauer an, verdienen jedoch 60% dieser heterogenen Gruppe zwischen 2 US $ und 4 US $.

Prof. Henning Melber (Universität Pretoria) entlarvt diese Zahlenspielereien wenn er sagt, dass damit „alle, die nicht am Verhungern sind, zur Mittelklasse gehören.“ Die Untergrenze erfüllt nach meinen Erfahrungen in Afrika nicht das Verständnis von „Mittelschicht“. Wer unter 15 Dollar verdient-das sind immer noch sehr viele- kann vielleicht sich und seine Familie ernähren, im Notfall eine Arztrechnung bezahlen, aber ein Auto wird er sich kaum leisten können. Nicht zu vergessen afrikanische Gesellschaften basieren darauf, dass sich auch entfernte Familienmitglieder gegenseitig unterstützen. Wer Geld verdient muss auch die zahlreichen Verwandten ggfs. unterstützen. Gesundheitsversorgung und Erziehungswesen sind marode und und die bestehenden wirtschaftlichen und sozialen Möglichkeiten nicht nennenswert. Mittelschicht ist darüberhinaus in Afrika ein städtisches Phänomen. Nicht-städtisches Leben bedeutet in Afrika südlich der Sahara immer noch Überlebenskampf. Kinder der Landbevölkerung haben aufgrund Mängel des Bildungswesens kaum eine Chance in die Mittelschicht aufzusteigen. Während einige Wenige richtig reich geworden sind, muss die Mehrheit der Menschen in Afrika ständig gegen Chaos oder Korruption ankämpfen. In London erfreuen sich Luxusimmobilien unter reichen Afrikanern aus Nigeria, Ghana, Gabun, Kamerun, dem Senegal und der Demokratischen Republik Kongo in den Traditionsbezirken Westminster, Kensington und Chelsea besonders großer Beliebtheit. So wurde laut dem Immobilienmakler Engel & Völkers im Herbst 2014 eine Penthouse-Wohnung am Hyde Park für etwa 162 Millionen Euro an einen ungenannten Afrikaner vermittelt.

Die Weltbank veröffentlichte Zahlen, wonach nahezu die Hälfte der afrikanischen Länder in die Kategorie „Middle Income countries“ fällt. Für diese Kategorisierung muss das durchschnittliche Pro-Kopf-Einkommen mindestens 1085 US-Dollar im Jahr betragen.

Laut einem aktuellen Bericht der Schweizer Bank Credit Suisse gehören in Afrika gerade mal 18 Millionen Menschen zur Mittelschicht. Nach Credit Suisse gehört z.B.in Südafrika zur Mittelklasse wer mindestens 22.000 US-Dollar besitzt.

Afrika ist nicht arm, weil dort die Tropensonne scheint Die politischen Eliten in Afrika müssen mit zukunftsorientierten wirtschaftspolitischen Strategien eine Mittelschicht schaffen. Sonst werden sie den Wendepunkt verpassen und auf Dauer der Unruhe in ihren Ländern nicht mehr Herr werden. Bisher ist die Mehrheit der Afrikaner ohne Arbeit und lebt von der Subsistenz-oder der informellen Wirtschaft, mehr schlecht als recht. Es ist arm, weil kleine Zirkel der Reichen und Mächtigen fern vom Volk regieren, gewaltige Ungleichheiten und teils schwere Verstöße gegen die Menschenrechte den Menschen keine gleichen Zugangschancen zu ökonomischem Wohlstand geben. Die meisten Länder leben von ihrer Substanz. Langfristige Strategie ist Nebensache. Es fehlen vielen afrikanischen Politiker-wie ich sie kennen gelernt habe- Organisationskompetenz, Selbstbewusstsein und Leitziele. Sie arbeiten nicht zäh und schrittweise daran, das Wünschenswerte zu verwirklichen. Es fehlt an der Fähigkeit zur lernenden Anpassung und zum Willen zur Wohlstandssteigerung für einen großen Teil der Bevölkerung. Es ist oft von eigenen Zielen die Rede, aber kaum einer hat sie näher ausgeführt oder gar präzise bestimmt. Von Gerechtigkeitserwägungen inspirierte Mitsprachemöglichkeiten der Bevölkerung gibt es nicht.

(Volker Seitz war zuletzt bis zu seinem Ruhestand 2008 Leiter der deutschen Botschaft in Jaunde/Kamerun. Sein Buch “Afrika wird armregiert oder Wie man Afrika wirklich helfen kann” erschien 2014 bei dtv in 7. überarbeiteter und erweiterter Auflage.)

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