Das Leid der ägyptischen Transgender-Community

„Jeden Morgen stellt sich Yara beim Aufstehen die schmerzliche Frage, was sie anziehen soll. Für viele Frauen handelt es sich dabei nur darum, ob sie ein Kleid, einen Rock oder Hosen tragen wollen. Für Yara geht es darum, wie sie es vermeiden kann, angestarrt zu werden. Yara ist eine in Ägypten lebende Transsexuelle und nach Jahren der Hormonbehandlung ist sie gezwungen, ein Doppelleben zu führen. So wählt sie Kleidung, die ihren im Übergang befindlichen Körper tarnt. ‚Ich möchte verhindern, dass ich noch einmal verprügelt werde’, erklärt Yara. Sie erzählt, wie sie 2009 aufgrund ihres Aussehens von einem Dutzend Männer umzingelt und geschlagen wurde. Zwei Jahre später wurde sei erneut verprügelt, diesmal von staatlichen Sicherheitskräften. Mit der Transition begann die damals 21jährige Yara 2012. Seit Jahren fühlte sie sich, als lebe sie in dem falschen Körper. (…)

Die offizielle Genehmigung zur Durchführung der Operation muss sowohl von der Al-Azhar-Universität als auch dem Egyptian Medical Syndicate, einer staatlich anerkannten Vertretung, die die Rechte der Ärzte vertritt und deren Tätigkeit überwacht, erteilt werden. Diese Genehmigung ist hauptsächlich aus rechtlichen Gründen wichtig. Falls bei der Operation etwas schief läuft und der Patient oder die Patientin nicht über die offizielle Genehmigung verfügt, erklärt Yara, kann er oder sie den operierenden Arzt nicht verklagen. Manche Ärzte sind bereit, die Operation auch ohne Genehmigung vorzunehmen, die meisten aber nicht. Doch hat sich das Spezialkomitee des Verbands für Genderangleichung seit fast fünf Jahren nicht getroffen, weil der Vertreter der mit der Al-Azhar-Universität verbundenen ägyptischen Religionsbehörde stets abwesend war. Das Al-Azhar-Universitätskrankenhaus hat sich in der Regel auch geweigert, die Genehmigungen zu erteilen. Die Weigerung erfolgt entweder direkt oder indirekt durch die jahrelange Verzögerung der Formalitäten. ‚Die Al-Azhar-Universität verweigert Patienten die Genehmigung und sagt ihnen, ihr Leiden entspreche dem Willen Gottes und sie müssten sich damit zeit Lebens auseinandersetzen’, erklärt Heba, ebenfalls eine Transsexuelle. Nur zehn Prozent der von Baharys Zentrum betreuten Fälle erhalten eine Genehmigung von der Al-Azhar-Universität. ‚Es gibt keine Kriterien für die Bewertung, die willkürlich erfolgt’, erklärt Bahary.

Wie Dalia Abdel Hameed – bei der Egyptian Initiative for Personal Rights, einer NGO, die sich für den Schutz der Grundrechte und -freiheiten in Ägypten einsetzt, für geschlechtsrelevante Rechte zuständig – bemerkt, ist die Gefahr der Arbeitslosigkeit bei Transsexuellen, deren Transition spät erfolgt, besonders hoch. Ihr Aussehen entspreche ihren offiziellen Dokumenten nicht, in denen transsexuelle Frauen als Männer ausgewiesen werden. Obwohl es formal möglich ist, den Ausweis ändern zu lassen, sei dies unglaublich schwierig. Wenn auch nur ein an dem bürokratischen Vorgang beteiligter Beamter beschließt, dass die Person nach konventionellen Maßstäben nicht hinreichend männlich oder weiblich aussieht, kann der Antrag zurückgewiesen werden.

Damit nicht genug, ist in Ägypten seit der Machtübernahme des vom Militär gestützten Präsidenten Abdel-Fattah el-Sisi 2013 massiv vorgegangen gegen schwule Männer und gegen Transsexuelle worden. Wohnungsdurchsuchungen und Verhaftungen auf der Straße sind ein regelmäßiges Vorkommnis. Mehr als 250 Menschen wurden festgenommen. Abdel Hameed hebt insbesondere hervor, dass die Polizei sich auf Dating-Apps und Websites angemeldet habe, um Zielpersonen zu ermitteln. ‚Es gibt keinen eindeutigen Grund für das Durchgreifen, wir können nur spekulieren’, erklärt Yara. Einer Theorie zufolge will die Regierung sich damit bei der Bevölkerung beliebt machen, indem sie sich eines von der Regierung der Muslimbruderschaft unter Präsident Mohammed Morsi vernachlässigten Problems annimmt. Das Innenministerium profiliere sich so als Wächter der Sittlichkeit und Religion. Einer anderen Theorie zufolge ist die Polizei darum bemüht, ihre nach der ägyptischen Revolution von 2011 verlorene Macht wiederherzustellen. Weiter verbreitet ist die Annahme, dass es sich bei dem Durchgreifen um ein gutes Ablenkungsmanöver handelt. Angesichts der schlechten wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse will die Regierung den öffentlichen Unmut auf Sexskandale lenken.“ (Aya Nader: „The Suffering of Egypt’s Transgender Community“)

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