DAS GERAUNE ÜBER ISRAEL

In der gestrigen Ausgabe der Kronen Zeitung widmete sich Außenpolitik-Ressortleiter Kurt Seinitz in zwei Kommentaren aktuellen Nachrichten aus Israel. Obwohl nur wenige Zeilen lang, kommt die negative Haltung, mit der er dem jüdischen Staat begegnet, darin deutlich zum Ausdruck.

Im ersten Kommentar („Syrer in israelischem Spital“) wies Seinitz auf syrische „Aufständische“ hin, die „nach Kämpfen mit den Regierungstruppen auf den Golanhöhen von der israelischen Armee geborgen“ und zur Behandlung in ein israelisches Spital gebracht wurden, und versah diese Meldung mit der abschließenden Bemerkung: „Der humanitäre Akt trifft sich gut als politische Werbebotschaft.“

Was Seinitz nicht weiß oder seinen Lesern vorsätzlich verschweigt: Humanitäre Hilfe zu leisten ist in Israel eine seit Jahrzehnten gepflegte Tradition, die die Aufnahme hunderter vietnamesischer Bootsflüchtlinge in den 1970er-Jahren ebenso umfasste wie die Katstrophenhilfe nach Erdbeben in Haiti oder der Türkei in der jüngeren Vergangenheit. Hätte Israel die Verletzten auf den Golanhöhen abgewiesen, hätte Seinitz dies vermutlich als unmenschliche Grausamkeit bezeichnet und seine übliche Litanei über die Kurzsichtigkeit und Arroganz der israelischen Politik angestimmt. So blieb ihm nur, die humanitäre Hilfe zum Versuch zu degradieren, einen PR-Coup landen zu wollen.

Wollte Seinitz hier eine israelische Geste der Menschlichkeit als Werbegag abtun, so ging es in seinem zweiten Kurzkommentar darum, Israel wegen seiner Zensurpraxis an den Pranger zu stellen. Die Affäre um den Selbstmord eines Gefangenen in der Hochsicherheitszelle eines israelischen Gefängnisses habe „nicht nur in der israelischen Öffentlichkeit Fragen über Zensurpraktiken angeblich wegen der ‚nationalen Sicherheit‘“ aufgeworfen. Israel, so war in der Überschrift zu lesen, sei eine „Zensur-Demokratie“: „Was wird noch alles verheimlicht zusätzlich zu den von der Regierung veranlassten Fälschungen ausländischer Pässe, den (missglückten) Tötungsaktionen, Misshandlung von Gefangenen etc.?“ Worauf Seinitz hier anspielte, blieb unklar und sollte es wohl auch sein; es war eine Einladung an die Leser, sich selbst vorzustellen, welche Verbrechen die Israelis im Geheimen noch alle begehen würden. Der Antisemitismus, bemerkte Theodor W. Adorno einmal treffend, ist das Gerücht über die Juden. Die Feindschaft gegenüber Israel, so ließe sich in Anlehnung daran formulieren, ergeht sich im Geraune über die angeblichen Untaten des jüdischen Staates.

Nun schreibt Seinitz seine Zeitungsbeiträge in einem Land, dessen größtes militärisches Problem darin besteht, ob ein ins tausende Kilometer weit entfernte Mali zu entsendendes Sanitätskontingent des Bundesheeres nicht vielleicht doch fünf statt nur vier Notfallsanitäter umfassen soll. Unter solchen Bedingungen mag die Notwendigkeit einer Zensur sensibler medialer Berichterstattung nicht nachvollziehbar sein. Wie aber jedem Menschen klar sein sollte, befindet sich Israel in einer völlig anderen Lage und ist der ständigen Bedrohung durch eine höchst feindliche Nachbarschaft ausgesetzt. Es ist nicht zu bestreiten, dass die geltende Militärzensur für eine westliche Demokratie ungewöhnlich ist. Doch genauso wenig kann bestritten werden, dass Israel das einzige demokratische Land der Welt ist, das buchstäblich täglich um seine Existenz kämpfen muss und dessen Feinde, von Hamas über Hisbollah bis zum iranischen Regime, aus ihren Vernichtungsabsichten keinerlei Hehl machen. Es kann stark bezweifelt werden, ob viele andere Länder es unter ähnlichen Bedingungen über Jahrzehnte hinweg geschafft hätten, offen, pluralistisch und demokratisch zu bleiben.

Die prekären Umstände seiner Existenz nicht in Rechnung zu stellen und stattdessen Israel als „Zensur-Demokratie“ zu denunzieren, ist in höchstem Maße einseitig und zeugt wenn schon nicht von der Unfähigkeit, so zumindest vom Unwillen, sich die Existenzbedingungen des jüdischen Staates zu vergegenwärtigen. (Wer sich dafür interessiert, was es mit der Militärzensur wirklich auf sich hat, dem sei der höchst instruktive Artikel „The Case for Israeli Censorship“ des israelischen Journalisten Ben Caspit empfohlen.)

 


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