Das fast vergessene Leiden im arabischen Armenhaus

War YemenHumanitäre wie politische Katastrophen unterliegen einer medialen Rangordnung. Das belagerte syrische Aleppo kennt man nun wenigstens aus den Schlagzeilen, auch wenn das den Menschen im syrischen und rus­sischen Bombenhagel nicht wirklich hilft. Aber was ist mit dem jemenitischen Taiz? Die drittgrößte Stadt des Landes in den nordjemenitischen ­Bergen mit über einer halben Million Einwohnern ist seit dem offenen Ausbruch des Bürgerkriegs Anfang 2015 ebenfalls eine belagerte Stadt. Zeitweise war sie nur über Bergpfade erreichbar, dann schien der Belagerungsring in diesem Sommer gesprengt, aber immer wieder wurden die Versorgungswege abgeschnitten. Gerade soll die Stadt durch ein Nebental wieder ­erreichbar sein. Belagert wird Taiz von den schiitischen Houthis und den mit ihnen verbündeten Truppen des ehemaligen jemenitischen Dauerpräsidenten Ali Abdullah Saleh, der durch die Proteste des »arabischen Frühlings« als einer der dienstältesten arabischen Autokraten nach über 30 Jahren Herrschaft zum Rücktritt gezwungen worden war. Taiz, das als modern und kulturell offen gilt, war ein Zentrum dieser Proteste.

Man kann den Konflikt im Jemen als Spiegelbild des Kriegs in Syrien betrachten: Die Akteure und die Konflikte sind zum Teil dieselben, die humanitäre Situation ist im Jemen fast ebenso katastrophal wie in Syrien, im Frühjahr hat die Zahl der jemenitischen Binnenflüchtlinge drei Millionen überschritten, und jedes dritte Kind unter fünf Jahren ist nach Angaben der Hilfsorganisation Save the Children bedrohlich mangelernährt. Doch wo im Falle Syriens die Weltöffentlichkeit immerhin noch tatenloser Augenzeuge dieser Katastrophe bleibt, stößt der Krieg im Jemen auf blankes Desinteresse. Das hat auch mit der geographischen Lage zu tun. Der Krieg in Syrien findet auf der nach Europa offenen Seite des Nahen Ostens statt; der Jemen, das mit über 25 Millionen Einwohnern bevölkerungsreichste Land der arabischen Halbinsel und gleichzeitig deren Armenhaus, liegt am anderen Ende der Region, eingegrenzt von Wüsten und dem Indischen Ozean. Oder um es zynisch auf den Punkt zu bringen: Die Jemeniten stellen kein Flüchtlingsproblem für Europa dar. (…)

Ähnlich wie bei den demonstrativen Bombardierungen der russischen Luftwaffe in Syrien konzentrieren sich die saudischen Flugzeuge im Jemen auf die Zerstörung der Infrastruktur, zumal von Krankenhäusern. Wiederholt waren dabei Krankenhäuser der Organisation Ärzte ohne Grenzen das Ziel, die ihr Personal mittlerweile abgezogen hat. Städte wie das nordjemenitische Saada im Kerngebiet der Houthis scheinen mittlerweile großflächig zerstört zu sein. Die offensichtlich umfassende Unterstützung dieses Luftkriegs durch Großbritannien und die USA wird man wohl auch als Zugeständnis des US-Präsidenten Barack Obama an die Saudis wegen seiner Annäherung an den Iran und seiner Tatenlosigkeit in Hinblick auf Syrien verstehen dürfen.

Im August wurde mit dem Abbruch von monatelangen Gesprächen in Kuwait zwischen der Regierung Hadi und dem Houthi-Saleh-Lager auch die vage Hoffnung auf eine Verhandlungslösung gegenstandslos. Man kann sich im Internet längst Videos von Houthi-Kämpfern ansehen, wie sie saudische Grenzpatrouillen in die Luft sprengen und saudische Orte beschießen. Ali Abdullah Saleh, der scheinbar unzerstörbare arabische Despot, der noch seine eigene Absetzung politisch und mili­tärisch überlebt hat, wollte jüngst wohl schon den gleichen Weg wie Bashar al-Assad einschlagen, als er anregte, einen uralten jemenitisch-sowjetischen Militärvertrag wiederzubeleben, und Wladimir Putins Russland die Nutzung aller von Saleh kontrollierten Militärstützpunkte anbot.

(Oliver M. Piecha: „Das jemenitische Desaster“)

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