„Bei den Salafisten ist es die Aufgabe der Mutter, den Hass zu vermitteln“

„Nach dem Attentat im ‚Bataclan‘ legte die Salafistin Henda Ayari den Schleier ab und schrieb den Bestseller ‚Ich wählte die Freiheit‘. Jetzt hat sie den Intellektuellen Tariq Ramadan der Vergewaltigung bezichtigt. Ein Besuch in Rouen, wo sie unter Polizeischutz lebt. (…) ‚Ich war nicht nur antisemitisch. Ich war anti-alles, was nicht islamisch ist. Alle Nichtmuslime sind Feinde. Wirkliche Feinde. Ich wollte nicht mit ihnen reden, nichts mit ihnen zu tun haben, mich nicht mit ihnen vermischen. Nichtmuslime sind der Abschaum der Menschheit. Franzosen, Atheisten, Katholiken waren Abfall. In die Hölle mit ihnen. Wir sind die Geretteten und Auserwählten Gottes. Wer sich mit Nichtmuslimen einlässt, fährt mit ihnen zur Hölle. Der Salafismus lehrt uns den Hass. Mein Mann zwang mich, die Namen der salafistischen Gelehrten und Heiligen auswendig zu lernen. Jahrelang habe ich so gelebt und war dabei, diesen Hass meinen Kindern beizubringen. Bei den Salafisten ist es die Aufgabe der Mutter, den Hass auf alle, die anders sind, und auf die Frauen zu vermitteln. Wenn sie keinen Schleier tragen, sind sie Huren. Man darf sie nicht anschauen. Mein Mann hatte es meinen unverschleierten Schwestern verboten, uns zu besuchen.‘ (…)

An Tariq Ramadan wandte sie sich nach der Scheidung mit der Frage, wie sie ohne Schleier und Gebet zur vorgeschriebenen Zeit eine gute Muslimin sein könne. Sie wollte sich in die französische Gesellschaft integrieren, er konnte ihr helfen. Sie kontaktierte Ramadan auf Facebook, regelmäßig schrieb er zurück: ‚Als ich ein Bild von mir auf Facebook postete, wurde ich von ihm gerügt: Sie sind geschminkt, Sie ziehen die Blicke der Männer an. Das ist eine Sünde. Wir diskutierten weiter, ich sagte mir, das kann nicht Ramadan persönlich sein. Zum Beweis kontaktierte er mich über Skype.‘ (…) Beim Skypen gab sie Ramadan ihre Telefonnummer. Er lud sie in sein Hotel ein, wo es zur mutmaßlichen Vergewaltigung kam. „Ich bewunderte ihn, ich war geehrt. Nie in meinem Leben hätte ich mir vorstellen können, was dann passierte.‘ (…)

Zum endgültigen Bruch führten die Anschläge im November 2015: ‚An diesem Tag begriff ich den tödlichen Hass.‘ Die Muslimin verkündete der Welt ihre Abkehr vom Salafismus mit der Ästhetik einer Diät- oder Haarmittelwerbung: vorher – nachher. (…) 2016 erschien Henda Ayaris Buch ‚J’ai choisi d’être libre‘ (Flammarion), gerade kam das Taschenbuch heraus. Sie erzählt darin auch die Geschichte ihrer Vergewaltigung. Den Täter nennt sie ‚Zoubeyr‘, er sperrte sie auf Facebook. In Rouen gründete sie die Vereinigung ‚Libératrices‘, Befreierinnen, die muslimischen Frauen hilft. Der 18 Jahre alte Sohn hat mit ihr gebrochen, die beiden jüngeren Kinder sind auf ihrer Seite. An ihrem Glauben hat sie in der ganzen Zeit festgehalten: ‚Gezweifelt habe ich an den Menschen. Mein Glaube ist unerschütterlich. Von allen Zwängen wie dem Gebet zur richtigen Zeit habe ich mich befreit. Ich habe mehr Vertrauen in mich und in Gott. Ich fürchte ihn nicht mehr. Wenn ich bete oder faste, tue ich es nicht aus Angst vor ihm, sondern aus Liebe. Mit den anderen Religionen lebe ich in Frieden.‘ Vor Zweifeln und Rückschlägen bleibt sie nicht gefeit: ‚Ich bin müde, demoralisiert, erschöpft und sooo enttäuscht‘ beginnt ein langer Eintrag auf Facebook im September. Sie beklagt die mangelnde Unterstützung für ‚Libératrices‘ und rechnet mit den Politikern ab. ‚Ich habe immer mehr den Eindruck, dass das alles überhaupt nichts nützt.‘“ (Jürgen Altwegg: „Die Frau, die nein sagte“)

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