Atatürks vergessenes Massaker

„‚Dersim ’38‘ steht auf dem Transparent, das aus dem vierten Stock im Zentrum der ostanatolischen Stadt Tunceli hängt. Vor kurzem noch ein unvorstellbares Bild – der Gebrauch des alten Namens der unbotmäßigen Provinz war im öffentlichen Leben verboten. Unvorstellbar auch, ausgerechnet an das Dersim des Jahres 1938 zu erinnern – an jene Zeit, in der das türkische Militär mit schließlich 50.000 Soldaten große Teile der alevitischen Bevölkerung der Provinz erschoss, erstach, verbrannte und deportierte. Und in der am Steuer eines der Flugzeuge, die die Dörfer bombardierten, Sahiba Gökçen saß, die Adoptivtochter von Staatspräsident Mustafa Kemal Atatürk, die hier ihre ersten Einsätze als Kampfpilotin flog. (…) Anfangs haben die Aleviten Ostanatoliens die Gründung der säkularen Türkischen Republik 1923 begrüßt, befreite sie sie doch von der Herrschaft des Kalifats, das sie als Häretiker teilweise brutal verfolgt hatte. Sie setzten auf den Staatsgründer und Staatspräsidenten Mustafa Kemal Atatürk, der allen Bürgern ohne Ansehen der ethnisch-religiösen Zugehörigkeit gleiche Rechte zugesichert hatte. Atatürk stieß sich jedoch schnell an der feudalen Struktur ihrer Stammesverbände und dem großen Einfluss ihrer Führer – das stand im Widerspruch zu seinen Republikanismus und seinem Modernisierungsstreben.

Er stieß sich auch an der ethnischen Herkunft ihrer Bewohner und ihrer Religion – das stand im Widerspruch zu seiner Vorstellung von einem homogenen türkischen Nationalstaat sunnitischer Prägung. Ethnisch-religiösen Minderheiten haftete auch in der türkischen Republik der Geruch des Separatismus und der Unbotmäßigkeit an. Nicht-türkische Bürger wurden deshalb aus dem Grenzgebiet zu Syrien vertrieben, Griechen zur Ausreise gedrängt, kurdische Aufstände niedergeschlagen. Anfang der 1930er Jahre gerieten auch die Stämme in Dersim ins Visier. (…) Über die Zahl der Opfer gibt es große Differenzen. Von Regierungsseite werden inzwischen 14.300 Ermordete zugegeben; Cemal Tas geht von bis zu 30.000 Toten aus. Huseyin Aygun der Rechtsanwalt, Menschenrechtler und Abgeordnete der oppositionellen Republikanischen Volkspartei CHP, kam aufgrund seiner Recherchen auf 40.000 bis 70.000 Ermordete. Weitere 12.500 Personen sollen in den Westen der Türkei deportiert worden sein.“ (Helga Hirsch: „Das vergessene Massaker der Türken an den Aleviten“)

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