Alles ist relativ

Der ORF berichtet über einen israelischen Angriff auf einen palästinensischen Terroristen im Gazastreifen: „Der Mann habe Angriffe auf Israel vom benachbarten Ägypten aus vorbereitet, erklärte die (israelische) Armee in der Nacht auf heute.“ Der bei dem Angriff getötete Abdalla Telbani gehörte zu einem „lockeren Netzwerk aus ultrakonservativen Salafisten …, die sich als Verbündete der Al-Kaida verstehen“. Politisch gehöre diese Gruppe  „zu den Gegnern der herrschenden Hamas, die einen politisch gemäßigteren Islam vertritt.“

Der ORF schließt sich mit dieser Einschätzung einem Trend an, auf den MENA bereits vor einigen Wochen im Zusammenhang mit den Parlamentswahlen in Ägypten aufmerksam gemacht hat: Seit Beginn der Aufstände in verschiedenen arabischen Ländern war ein Großteil der Medien damit beschäftigt, systematisch die Gefahr einer Machtübernahme durch islamistische Gruppen klein zu schreiben. In der Phase der Euphorie, die von den Bildern aus Tunis oder vom Tahrir-Platz in Kairo ausgelöst wurde, kannte der Optimismus kaum Grenzen: Mit dem Sturz von Ben Ali und Hosni Mubarak sei es für den Westen nun Zeit, mit seinen „Vorurteilen“ über die arabische Welt und den Islam aufzuräumen. Der Zeit-Journalist Michael Thumann sah beispielsweise die Zeit gekommen, den Westen von seiner „Islam-Besessenheit“ zu befreien: „Die arabischen Revolutionen“, so schrieb er in seinem inmitten der allgemeinen Euphorie im Juni 2011 veröffentlichten Buch, „bieten dem Westen eine historische Gelegenheit, den Islam-Irrtum zu überwinden.“

In der Zwischenzeit dürfte hinreichen klar geworden sein, wer in Bezug auf den Stellenwert des Islamismus in der arabischen Welt einem Irrtum aufgesessen ist. Wo immer im Laufe des Jahres Wahlen stattfanden, von Marokko über Tunesien bis nach Ägypten, ging der Sieg eindeutig an islamistische Parteien. Von der Euphorie des großen demokratischen Aufbruchs ist nicht mehr viel übrig geblieben. Wenn die Welt aber doch nicht so leicht veränderbar ist, wie viele Beobachter es gerne gehabt hätten, bleibt immer noch die Möglichkeit, sie einfach anders zu interpretieren.

Noch Anfang Mai verkündete Georg Hoffmann-Ostenhoff im profil: „Islamistischer Radikalismus ist einfach out. Kaum jemand glaubt mehr, dass der Koran die Menschen aus der politischen und ökonomischen Misere herausführen könne.“ (profil, 18/2011) Nachdem dann die Islamisten in Tunesien die Wahlen gewannen, gestand er nicht etwa seinen Irrtum ein, sondern erklärte kurzerhand, der Wahlsieg der islamistischen Ennahda-Partei, deren Wahlprogramm „beeindruckend demokratisch“ gewesen wäre, sei „nur historisch gerecht“. (profil, 43/2011) Seit darauf bei den ägyptischen Parlamentswahlen die verschiedenen islamistischen Parteien insgesamt bis zu 70 Prozent der Stimmen gewannen, mutieren die Muslimbrüder in der medialen Berichterstattung zu „moderaten Islamisten“, nur weil mit den salafistischen Parteien noch extremere Islamisten zu reüssieren vermochten. Dieser Linie folgend schreibt der ORF eben jetzt von der Hamas als einer „politisch gemäßigteren“ Kraft, nur weil im islamistischen Spektrum noch finsterere Gestalten ihr Unwesen treiben. Geht dieser Prozess weiter, werden als „radikale  Islamisten“ künftig wohl nur mehr in Höhlen lebende bärtige Männer gelten, die das Messer zwischen den Zähnen und den Sprengstoffgurt umgeschnallt haben – alle anderen wären dagegen als „politisch moderater“ einzustufen.


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