ALLES IST RELATIV (II)

Der in den letzten Wochen zu bemerkende Trend, den Triumphzug der Islamisten in den Ländern der arabischen Welt zu negieren, indem diese kurzerhand zu „moderaten“ politischen Kräften erklärt werden – MENA hat bereits mehrfach darauf hingewiesen -, gewinnt weiter an Schwung. Obwohl nichts darauf hinweist, dass sie von ihren wesentlichen politischen Zielen abgekehrt wäre, ist beim ORFmittlerweile der Einfachheit halber nur mehr von der „moderaten(n) Muslimbrüderschaft“ die Rede. Die Presse wiederum widmete Essam el-Erian, dem „Sprachrohr der Muslimbrüder“, in ihrer Sonntagsausgabe ein Porträt, das selbstverständlich nicht ohne den Hinweis auskam: „Er gilt als eines der ‚moderneren‘ Gesichter der Muslimbruderschaft.“ (Presse, 1. Jan. 2012). Wie modern el-Erian in Wahrheit ist, davon konnte man sich erst kürzlich in einem Interview mit NEWS ein Bild machen.

Darin erklärte er: „Wir werden das umsetzen, was eine Mehrheit der Ägypter wünscht: ein Land zu formen, das nach islamischen Prinzipien ausgerichtet ist.“ Das klingt zunächst recht unspektakulär. Die Mehrheit der Ägypter sind Muslime, wäre es also nicht selbstverständlich, wenn sich dies auch im politischen System niederschlagen würde? Doch bevor man nun, dem medialen Trend folgend, die Muslimbrüder zu einer gewissermaßen bloß islamisch angehauchten Variante einer konservativen Partei erklärt, sollte man das Interview mit el-Erian zu Ende lesen. „Der Koran“, so fährt dieser nämlich fort, „bietet eine alle Lebensbereiche umfassende Ordnung an – diese reicht vom Privaten über das gesellschaftliche Zusammenleben bis hin zu einer verbindlichen Sammlung von islamischen Rechtsvorschriften: der Scharia. Die Zukunft Ägyptens beruht darauf.“ (NEWS, Nr. 47/2011)

Würde in Europa ein Politiker einer konservativen Partei allen Ernstes erklären, die Bibel enthalte die Antworten auf ausnahmslos alle Fragen, und die Gesellschaft müsse sich in allen Bereichen, vom Privatleben bis zum Rechtswesen, streng an deren Vorgaben halten, ein Aufschrei der Empörung über diesen reaktionären Fundamentalismus wäre die sichere Folge. Bei den ägyptischen Muslimbrüdern hingegen, die sich seit ihrer Gründung auf das Motto stützen: „Allah ist unser Ziel. Der Prophet ist unser Führer. Der Koran ist unsere Verfassung. Der Dschihad ist unser Weg“, bei denen ist plötzlich alles anders. Denn die gehören neuerdings demORF zufolge genauso zu den „moderaten“ politischen Kräften wie die Terrororganisation Hamas im palästinensischen Gazastreifen, der vom ORF unlängst attestiert wurde, einen „politisch gemäßigteren Islam“ zu vertreten.

Für diese Klassifizierungen ist völlig unerheblich, wie sich die verschiedenen Gruppierungen tatsächlich verhalten. Da die Bewertung der politischen Haltung der Muslimbruderschaft aus interessierter Willkür erfolgt, spielen Fakten keine Rolle. Deshalb wird einfach nicht zur Kenntnis genommen, dass deren Oberster Führer erst vor wenigen Tagen erklärte, seine Organisation stehe knapp vor der Verwirklichung ihres ultimativen Zieles: „The project begins with the creation of a sound government and ends with the establishment of a just Islamic caliphate, said Mohamed Badie, the Supreme Guide of the Muslim Brotherhood in Egypt on Thursday, in his weekly message on the group’s official website.“ Deshalb wird auch ignoriert, dass ein hochrangiges Mitglied der Führung der Muslimbrüder gerade in einem Interview verkündete, seine Organisation werde Israel niemals anerkennen, niemals mit Israelis verhandeln und den ägyptisch-israelischen Friedensvertrag annulieren.

Eine Organisation, die die Zeit der Verwirklichung eines islamischen Kalifats gekommen sieht und die Rückkehr zum Kriegszustand mit Israel herbeisehnt – für den ORF einfach eine „moderate“ politische Kraft.


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