Abbas: 67 Jahre israelischer „Besatzung“

Wann immer von den Ursachen des israelisch-palästinensischen Konfliktes die Rede ist, darf der Verweis auf ‚die israelische Besatzung‘ nicht fehlen. Aus dem Gazastreifen hat Israel sich zwar vollständig zurückgezogen, aber noch immer kontrolliere es das Westjordanland – und mache damit Frieden unmöglich. Ein Ende ‚der Besatzung‘, so die vorherrschende Meinung, sei die Bedingung für eine Beilegung des Konflikts. Gegen ‚die Besatzung’ wetterte auch Mahmud Abbas bei seiner Rede vor dem UN-Menschenrechtsrat vorige Woche. Wenn Sie davon nichts mitbekommen haben, so dürfte das daran liegen, dass die Medien hierzulande Abbas‘ Ansprache komplett ignorierten. Mit gutem Grund, räumte er darin in einem seltenen Moment der Ehrlichkeit doch mit westlichen Illusionen auf und machte klar, worum es der palästinensischen Führung geht, wenn sie von ‚der Besatzung‘ spricht: Nicht um Hebron, Ramallah und andere Städte im Westjordanland, sondern um Haifa und Tel Aviv – das israelische Kernland also.
 

Doppeltes Spiel

Wie einst schon sein Vorgänger Jassir Arafat, betreibt Abbas in seinen öffentlichen Stellungnahmen ein doppeltes Spiel. Wendet er sich an eine westliche Öffentlichkeit, erzählt er, was diese gerne hören will: Er gibt sich als „moderater“ Politiker, spricht über die angeblich unter den Palästinensern ausgeprägte „Kultur des Friedens und der Koexistenz“, beklagt ‚die Besatzung‘, bekennt sich zum Friedensprozess mit Israel und fordert Verhandlungen über eine Lösung des Konflikts. Das westliche Publikum freut sich über die schön klingenden Worte – und schiebt Israel die Rolle zu, den Frieden zu verunmöglichen.

Wendet Abbas sich dagegen an die palästinensische bzw. arabische Öffentlichkeit, ist von alledem keine Rede. Dann nämlich ehrt er palästinensische Terroristen als „heroische Brüder“, hetzt gegen die Juden und ihre „dreckigen Füße“, preist das „Blut der Märtyrer“, das zur „Verteidigung“ der al-Aksa-Moschee gegen herbeifantasierte israelische Angriffe vergossen worden sei, und lässt sich für seine Kompromisslosigkeit gegenüber Israel feiern.
 

Abbas unter Freunden

Es mag an der notorischen Israelfeindlichkeit des Menschenrechtsrats der Vereinten Nationen liegen, dass Abbas sich bei seiner Rede vor diesem UN-Gremium unter Freunden wähnte, und deshalb Worte wählte, die normalerweise nicht Teil seiner auf westliches Publikum abzielenden Sprache sind:

„Mister Präsident, meine Damen und Herren, haben Sie sich noch nie gefragt: Wie lange wird diese sich hinziehende israelische Besatzung unseres Landes dauern? Nach 67 Jahren, wie lange?“

Unüblich war daran nicht die Klage über die israelische Besatzung, sehr wohl aber der von Abbas angegebene Zeitraum. Denn nach herkömmlichen Verständnis begann ‚die Besatzung‘ mit dem Sechstagekrieg 1967, in dem Israel – dem Angriff Ägyptens, Syriens und Jordaniens zuvorkommend – die Gebiete unter Kontrolle brachte, die im Rahmen einer Zweistaatenlösung zum Staat Palästina werden sollen. Das ist allerdings nicht die von Abbas erwähnten 67 Jahre her, sondern 48. Wenn aber nicht der Sechstagekrieg gemeint war, was hatte Abbas dann im Sinn?

Die Antwort ist so einfach wie demaskierend: Vor 67 Jahren wurde Israel gegründet. Wenn Abbas von ‚der Besatzung‘ sprach, bezog er sich nicht auf das Westjordanland, sondern auf Kernisrael: Ganz Israel, so seine Botschaft, sei ‚besetztes palästinensisches Land‘. Ein ‚Ende der Besatzung‘ bedeutet demnach nicht bloß einen Rückzug Israels aus der Westbank, sondern die Auflösung Israels. Oder anders gesagt, und der weit verbreiteten Vorstellung widersprechend: Nicht das Fehlen eines palästinensischen Staates ist das Problem, sondern die Existenz des jüdischen.
 

Still und heimlich korrigiert

Irgendjemandem muss aufgefallen sein, dass Abbas sich verplaudert hatte, denn wie Palestinian Media Watch aufdeckte, wurde für die Transkription seiner Rede, die von der offiziellen palästinensischen Nachrichtenagentur WAFA verbreitet wurde, die Erwähnung der 67 Jahre andauernden ‚Besatzung‘ einfach gestrichen.

Offenbar bestand die Befürchtung, dass Abbas‘ freimütiges Bekenntnis der palästinensischen Sache schädlich sein könnte. In einer Welt, in der der Blick der internationalen Öffentlichkeit auf den israelisch-palästinensischen Konflikt nüchtern und weniger einseitig wäre, wäre diese Sorge nur allzu berechtigt gewesen. In der tatsächlich existierenden Welt ist sie allerdings völlig unbegründet: In ihr wird Abbas die Rolle des um den Frieden bemühten Moderaten zugewiesen. Was diesem Bild widerspricht, wird einfach ausgeblendet.


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